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de Stiena Nadieska

weiblich 1869 - 1943  (73 Jahre)


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  • Name de Stiena Nadieska 
    Geburt 17 Sep 1869  Russland Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Geschlecht weiblich 
    Beruf Dr. med. 
    Tod 24 Jun 1943  Glarus (GL) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Personen-Kennung I217617  wildpat
    Zuletzt bearbeitet am 28 Mai 2023 

    Vater de Stiena Peter Anton,   geb. um 1840, Russland Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Beziehung natural 
    Mutter Maltscheska Katharina Euthymena,   geb. um 1840 
    Beziehung natural 
    Familien-Kennung F75824  Familienblatt  |  Familientafel

    Familie Kubli Otto Jakob,   geb. 15 Jan 1879, Netstal (GL) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ortgest. 30 Nov 1956, Glarus (GL) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort (Alter 77 Jahre) 
    Eheschließung 29 Jul 1901  Netstal (GL) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Scheidung Dez 1914 
    • Ehe wurde geschieden
    Kinder 
     1. Kubli Waldemar Rudolf,   geb. 25 Jun 1905, Netstal (GL) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ortgest. 2 Jan 1998, Glarus (GL) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort (Alter 92 Jahre)  [Vater: natural]
     2. Kubli Kurt Heinrich,   geb. 13 Apr 1910, Netstal (GL) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ortgest. 4 Nov 1989, Glarus (GL) Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort (Alter 79 Jahre)  [Vater: natural]
    Familien-Kennung F75823  Familienblatt  |  Familientafel
    Zuletzt bearbeitet am 28 Mai 2023 

  • Ereignis-Karte
    Link zu Google MapsGeburt - 17 Sep 1869 - Russland Link zu Google Earth
    Link zu Google MapsTod - 24 Jun 1943 - Glarus (GL) Link zu Google Earth
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  • Notizen 
    • http://dasmagazin.ch/index.php/und-sie-bewegt-sich-stets/
      DASMAGAZIN, 28.3.2008
      Und sie bewegt sich stets
      So viele Ausländer! So schlimm wars noch nie! Das meinen heute viele – aber sie irren. Denn das meinten die Menschen schon immer. Der Migrationshistoriker Klaus J. Bade klärt auf.
      28.03.2008 von Martin Beglinger
      Ich hatte eine Grosstante, die hiess Nadieska. Viel mehr weiss ich nicht über sie, als dass sie gebürtige Russin war und Ärztin von Beruf, die Einzige in Glarus; sie sprach fliessend Französisch und hielt zweimal pro Woche «Gratis-Sprechstunde für die Armen» in ihrer Praxis an der Löwengasse. Von Frauen wie Nadieska de Stiena handelt die kürzlich erschienene «Enzyklopädie Migration in Europa» (NZZ-Verlag), von jungen Russinnen also, die um das Jahr 1900 in die Schweiz gezogen waren, um in Lausanne, Bern oder Zürich Medizin zu studieren. In Russland war ihnen das – als Frau – verboten, doch nicht in der Schweiz. Mehr als tausend Russinnen waren um das Jahr 1900 an der Universität Lausanne eingeschrieben, aber nur hundert Schweizerinnen. Auch die erste Frau, die hierzulande als Medizinerin ausgebildet wurde, war eine Russin, die ihr Doktorat bereits 1867 an der Universität Zürich erworben hatte. An der Universität Bern studierten im Jahr 1907 weit mehr russische Frauen als Schweizer Männer Medizin, wie überhaupt in keinem anderen europäischen Land die Studentenschaft internationaler war als in der Schweiz. 45 Prozent stammten aus dem Ausland.
      Die russischen Studentinnen waren hoch willkommen an den Universitäten, weil sie deren wirtschaftliche Existenz sichern halfen. Im Volk hingegen war der Ruf der «Kosakenpferdchen», wie man sie mitunter nannte, zweifelhaft. Sie galten als «ungepflegte, sittenlose und Zigaretten rauchende Frauen mit kurzen Haaren und blauer Brille» (Ziegler/Bolliger), als in weissen Arztkitteln getarnte Emanzen und politische Agitatorinnen. In Zürich und Bern entstanden Russenkolonien mit eigenen Speisesälen und Bibliotheken, man hielt beiderseitig auf Distanz. Mein Grossonkel Otto, Jusstudent an der Universität Lausanne, zählte zu den wenigen Schweizern, die eines dieser «Kosakenpferdchen» geheiratet und eine Familie gegründet haben. Die meisten von ihnen kehrten hingegen ins revolutionsgeschüttelte Russland zurück, und als die Bolschewiken die Herrschaft übernahmen, war es vorbei mit Reisen in die Schweiz.
      Die Geschichte über die russischen Studentinnen ist ein kleines Kapitel in dieser Enzyklopädie – eines von 220, womit auch schon angedeutet ist, welch gigantische Fundgrube dieses Buch ist. Die ersten knapp dreihundert Seiten sind den wichtigsten europäischen Ein- und Auswanderungsländern gewidmet, unter ihnen die Schweiz. Doch den Kern mit rund achthundert Seiten bilden besagte 220 Kapitel. Sie beschreiben von A bis Z, welche Gruppen in Europa wann und warum und mit welchen Folgen ein- oder ausgewandert sind. Es beginnt mit A wie afrikanische Sklaven in Grossbritannien und endet mit Z wie Zwangsarbeiter in Deutschland. Dazwischen finden sich längst nicht nur die Schreckenskapitel über Kriegsflüchtlinge, sondern, zum Beispiel, auch über Kriegsbräute (die sich oft schwer genug taten in ihren neuen Ländern). Man liest über ausgewanderte Künstler und Bauern; über die per Post bestellten Philippinas ebenso wie über jene 150 000 chinesischen Kontraktarbeiter, die 1915 zum Schuften in englischen und französischen Fabriken importiert wurden. Ohnehin stösst man alle paar Seiten auf die blutigen Spuren der europäischen Kolonialherrschaft, deren späte Rechnungen heute in Frankreich, Holland, England oder Belgien präsentiert werden.
      Seinen Anfang genommen hat das Projekt im Jahr 1996. Damals begann der deutsche Historiker Klaus J. Bade mit ein paar Kollegen über eine grosse Geschichte der Ein- und Auswanderung in Europa nachzudenken. Doch er stand «wie der Ochse am Berg», erinnert sich Bade, seit Kurzem emeritierter Professor an der Universität Osnabrück. Die Forscher hatten ein historisches Chaos

      vor sich, einen Kontinent im Dauergewimmel. Denn nicht Sesshaftigkeit war der Normalzustand, sondern Wanderung, millionenfach, erhofft und erzwungen.
      Bärenführer, Profifussballer
      Von den weltweit 191 Millionen Migranten (2005) lebten 64 Millionen in Europa. «Migration gehört zur Conditio humana wie Geburt, Vermehrung, Krankheit und Tod; der Homo sapiens hat sich als Homo migrans über die Welt ausgebreitet», schreibt Bade in der Einleitung. Elf Jahre haben er und seine drei Mitherausgeber benötigt, um die Beiträge von mehr als zweihundert Autoren in der Enzyklopädie zu versammeln. Das Resultat ist ein Monument der Migrationsgeschichtsschreibung, drei Kilo schwer, 1156 Seiten dick, zu einem stolzen Preis. Gewiss, nicht jeder Text ist mit dem gleichen Esprit geschrieben wie Adam Hochschilds grossartige Bücher über die Abschaffung der Sklaverei oder den belgischen Kolonialterror in Afrika.* Doch die wissenschaftlichen Autoren fassen sich wohltuend verständlich.
      Seite um Seite wird das gewaltige Gemälde eines Kontinents in Dauerbewegung entwickelt, eine Chronik von Anpassung und Abstossung und dauernder Veränderung. Man erfährt von den ersten paar Tausend Bosniern in Westeuropa, also nicht von jenen, die 1960 als Knechte vom Schweizerischen Bauernverband angeworben wurden, sondern von den bosnischen Bärenführern, die hundert Jahre zuvor ihr Geld als Dompteure von Tanzbären an Jahrmärkten verdienten. Zeitgleich mit den Bärenführern vom Balkan kamen die ersten schwarzen Profifussballer in England an, ein anderes unerwartetes Schlaglicht, das die Enzyklopädie auf die grosse, endlose Wanderung wirft. Die afrikanischen Fussballer waren nicht nur hochtalentiert, sondern ebenso hochgebildet und stammten teils aus afrikanischen Königshäusern. Integration war schon damals keine schnelle Sache, und so dauerte es fast ein Jahrhundert, bis der erste schwarze Engländer auch das Nationaltrikot überziehen durfte.
      Warum es lohnt, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen? Weil wir nicht wissen, wer wir sind, wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, sagt Bade. Nicht nur Menschen haben «Migrationshintergrund», auch Länder und Kontinente. Wer dies ignoriere, der sei im Hier und Heute gefangen und glaube, dass es nie schlimmer gewesen sei als gerade jetzt; dass die Vergangenheit eine goldene gewesen sei und die Zukunft noch dunkler als die Gegenwart; dass früher wenigstens anständige Leute eingewandert seien, heute aber nur noch schreckliche kämen, von morgen nicht zu reden. «Dieses Zeitgefühl des Immer-schlimmer-Werdens war über Jahrhunderte dominant», sagt Klaus Bade. Zu rasch vergesse man, dass heute der wohlgelittene Nachbar sei, wen man eine Generation zuvor noch als Zumutung empfunden habe.
      Alte neue deutsche Welle
      Ebenso falsch ist auch die Meinung, erst Auto und Flugzeug hätten die Welt so richtig in Bewegung gebracht. Schon die Menschen im Mittelalter waren, so Bade, «hoch mobil». Damals seien gar vergleichsweise mehr Leute unterwegs gewesen als heute, zwar nicht global, aber in ihrer eigenen, kleineren Lebenswelt. «Jedes Zeitalter sprach von Globalisierung, nur in seinen eigenen Begriffen.»
      Dass Geschichte «schlau macht für ein ander Mal» oder Instantlösungen für die kurzatmige Gegenwart bietet, das will der Historiker Bade nicht behaupten. Handkehrum ist der Mann, aus dem die Sätze schiessen ohne Punkt und Komma, viel zu temperamentvoll, um keine Schlüsse aus seiner Forschung zu ziehen. Zumindest das besagte Zeitgefühl hofft er ein wenig zu korrigieren. Er weiss, dass er auch damit noch einen langen Weg vor sich hat.
      Dabei war die Auswanderung nie das Problem. Für die heimische Gesellschaft war sie immer ein Ventil für Unter- oder Überdruck. Hier neigt der Rückblick zur Verklärung. Wir sind stolz auf unsere Schweizer Chevrolets, die die (Auto-)Welt eroberten oder sich als Söldner auf dem ganzen Kontinent verdingten (gegen zwei Millionen Männer vom 14. bis Anfang des 19. Jahrhunderts).

      Schwierig wurde es immer in umgekehrter Richtung. Bis heute bestreitet namentlich die SVP die Offensichtlichkeit, dass die Schweiz seit fünfhundert Jahren auch ein Einwanderungsland war. Und weiterhin ist. Zwischen 2003 und 2006 sind dank Personenfreizügigkeit mit der EU fast 50?000 Deutsche in die Schweiz eingewandert – mit gelegentlich zwiespältigem Echo weit über das SVP-Milieu hinaus. So jammert etwa der akademische Mittelbau an der Universität Zürich schon derart laut über «die neue deutsche Welle» (NZZ), dass es deren Rektor mittlerweile «fast schon peinlich ist». Neu sind solche Töne nicht. Schon vor hundert Jahren protestierten Kommilitonen gegen die besagten russischen Studentinnen und versuchten gar, sie von der Universität auszuschliessen. Auch deutsche Professoren gab es in Zürich schon immer und viele, wie Marc Vuilleumier in der Enzyklopädie schreibt. Als die Universitäten von Zürich 1833 und Bern 1834 gegründet wurden, waren sie gar in der Mehrheit.
      Zwischen 1848 und dem Ersten Weltkrieg herrschten fast schon paradiesische Zustände für die Migranten. Es waren die liberalsten siebzig Jahre in der Geschichte der Eidgenossenschaft. Ihre Grenzen waren offen wie vorher nie und nachher erst recht nicht mehr. Kein Land in Europa gewährte mehr Freizügigkeit als die Schweiz, was abgesichert war durch bilaterale Verträge mit den Nachbarstaaten. Zunächst waren es vor allem Deutsche, die in jenen liberalen Jahrzehnten einwanderten; Leute wie ein gewisser Johann Georg Blocher, Lehrer aus dem Württembergischen; oder der Schreinergeselle Schlüer aus Sachsen-Anhalt. 1880 waren die Hälfte der Ausländer in der Schweiz zugewanderte Deutsche. In den gleichen Jahren wuchs ein grosser Strom aus Italien an, es kamen die Bortoluzzis und Tausende andere Maurer, Mineure und Handlanger. 80 Prozent der Eisenbahnbauer, am Gotthard und anderswo im Land, waren Italiener. Zwischen 1888 und 1910 stieg die Zahl der Ausländer um mehr als das Doppelte und lag mit 550?000 Personen bei knapp 15 Prozent. Um 1900 lebten in der Stadt Basel 38 Prozent, in Zürich 34, in Genf 40 sowie im Industriestädtchen Arbon gar 46 Prozent Ausländer.
      Arbeiter gut, Nachbar schlecht
      In der politischen Elite war diese Einwanderung während Jahrzehnten unbestritten, denn man sah deren wirtschaftlichen Nutzen. Im (Stimm-)Volk hingegen wurde sie schlechter goutiert. Die «Tschinggen» standen bald in Verruf, sie würden die Krankenkassen aussaugen, von denen damals die ersten gegründet worden waren; ein historisches Pendant zur heutigen Sozialmissbrauchsdebatte. Handkehrum galten die italienischen Arbeiter als Lohndrücker, sodass sie 1893 in Scharen von Schweizer Arbeitern durch Berner Strassen gejagt wurden. 1896 kam es in Zürich zu einem dreitägigen Aufstand, bei dem italienische Cafés und Restaurants geplündert wurden. Die Polizei schaute zu, während die «Spaghettifresser» nach regelrechten «Menschenjagden» in stadtnahe Wälder fliehen mussten, wie Marc Vuilleumier schreibt. Noch war das Land ein knappes Jahrhundert davon entfernt, sich Spaghetti und Pizza als neue Nationalgerichte einzuverleiben.
      Er sei selber erstaunt, sagt Klaus Bade, wie lange diese Integrationsprozesse jeweils dauern. Ein Leben reicht selten, Integration benötigt meistens Generationen. Doch abgesehen vom Faktor Zeit: Wann funktioniert die Integration der Einwanderer, wann nicht? Der Historiker Michael Stürmer brachte es mit Blick auf die Arbeit von Klaus Bade einmal auf den sehr nüchternen Punkt: «Die Armen waren von jeher als Arbeitskräfte willkommen, als Nachbarn nicht. Das ist zwar moralisch zu missbilligen. Aber so sind die Menschen, andere gibt es nicht.»
      Auch Hans Magnus Enzensberger hielt in seinem Essay über «Die grosse Wanderung» (1993) illusionslos fest: Die Begrüssung hängt vom Kontostand ab: je höher, umso freundlicher. Dem kann der Migrationshistoriker Bade schlecht widersprechen. Er kann höchstens ergänzen: Integration gelingt am ehesten dort, «wo sie am wenigsten auffällt». Und «wo sich die Einwanderer schnell und geschmeidig den Marktmechanismen angepasst haben und die Mentalität einigermassen zusammenpasst». Ein aktuelles Beispiel aus Übersee ist der rasche Aufstieg der Koreaner in den USA. Ihre Mentalität passt mit der amerikanischen überein. Ein historisches Beispiel in der Schweiz sind die 10?000 Hugenotten, jene wohlhabenden, gut

      ausgebildeten und gut vernetzten französischen Protestanten, von denen ihres Glaubens wegen seit dem 16. Jahrhundert weit über hunderttausend aus ihrer Heimat vertrieben worden waren – sehr zum Vorteil der Nachbarländer. In der Schweiz gründeten die Hugenotten Banken und Handelsbetriebe, Textilfabriken und Uhrmacherbetriebe, kurz: Sie halfen das wirtschaftliche Fundament für die moderne Schweiz zu legen, das noch heute trägt. (Wobei es eine besondere historische Pointe bleibt, dass ausgerechnet ein Migrant aus Beirut, der gebürtige Libanese Nicolas Hayek, zum Retter der Schweizer Uhrenindustrie wurde.) Derweil gründeten die Nachfahren des 1527 nach Zofingen geflüchteten Hugenotten Jean Ringier später jenen Druckereibetrieb, aus dem das grösste Schweizer Verlagshaus entstanden ist. (Nachzulesen in Karl Lüönds formidabler Firmenchronik «Ringier bei den Leuten», Verlag NZZ.)
      Man kann mit dem Historiker Bade nicht reden, ohne rasch in der Aktualität zu landen. Das ist in seinem Sinn, denn er verstand sich immer auch als (parteiloser) Politikberater. Vor 25 Jahren begann er seine ersten Referate über Integration zu halten, und ungefähr gleich lange regte er sich über die «demonstrative Erkenntnisverweigerung» der Politiker auf. Entweder wurde die Einwanderung schön geredet oder deren Folgen ignoriert. Seit Beginn der Achtzigerjahre fordert Bade eine präventive staatliche Integrationspolitik ohne Schönfärberei, doch niemand hörte hin. Vielmehr liefen die Leute «schreiend aus den Sälen, wenn ich Szenen voraussagte, wie sie heute immer wieder vorkommen, dass nämlich deutsche Urlauber, die an südlichen Gestaden schwimmen, in eine Qualle hineinklatschen und erst hinterher merken, dass es gar keine Qualle war, sondern ein aufgedunsener menschlicher Leib, der zuvor durch eine Schiffsschraube gedreht worden ist. Damals hielten mir die Leute vor, ein solches Gruselszenario könne gar nicht sein. Heute haben sich die Menschen schon so daran gewöhnt, dass sie sagen: ‹Ja, wir gehen nach Lampedusa, aber die Leichen treibt es nur oben an die Küste, doch wir sind unten, und dort ist es noch gut.›»
      «Es wird leichig werden»
      Immerhin, ein kleiner Trost für ihn, holen mittlerweile die Parteien genauso wie die deutsche Regierung seinen Rat ein. Er verlangt noch immer das Gleiche wie damals: eine Einwanderungspolitik wie Kanada und eine «nachholende Integrationspolitik» für all jene, die schon hier sind und auch hier bleiben. Fördern und fordern; Schule, Sprache, Arbeit. Es sind jene zentralen Faktoren, die mittlerweile bald politisches Allgemeingut sind, von der SPD bis zum ehemaligen Schweizer Integrationsminister Blocher. Wenigstens theoretisch. Mit der praktischen Umsetzung hapert es weiterhin.
      Was auffällt bei Bade: Er hat keine Berührungsangst zum Begriff der Anpassung. Das zugehörige Fremdwort, Assimiliation, hielt er bereits für unbrauchbar, bevor der türkische Ministerpräsident Erdogan Assimilation zu einem «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» erklärte. Bade sagt: «Es ist völliger Unsinn, wenn die Politiker erklären, sie wollten Integration, aber auf keinen Fall Assimilation. Integration geht fliessend in Assimilation über, das war schon immer so.»
      Und was kommt? Zunächst ein tiefer Seufzer am Telefon. Doch Klaus Bade mag die Hoffnung nicht fahren lassen, «dass die Probleme rund um die Einwanderung als soziale und nicht als ethnische Probleme diskutiert werden. Man muss dieses Sofort-auf-Distanz-Gehen aus den Köpfen bringen, bloss weil jemand schwarz oder gelb ist. Stattdessen müssen wir sagen: X. hilft mir den Garten anzulegen und Y. beim Englischunterricht, egal ob sie gelb oder schwarz oder grün oder blau sind.»
      Es macht den Migrationshistoriker wenig froh, dass er bislang vor allem mit seinen düsteren Prognosen recht behielt. Noch um die Jahrtausendwende hatte er gehofft, die Migration werde sich «rechtlich besser regeln». Und dass die Bereitschaft des reichen Nordens grösser sei, «ein Stück weit zu verarmen, um gemeinsam zu überleben. Denn die Reichen müssen ärmer werden, sonst schaffen wir es nicht.» Beides hat sich als Illusion erwiesen. Stattdessen ist eingetroffen, was der (mittlerweile verstorbene) Zürcher Soziologe Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny seinem

      Kollegen und Freund Bade ausgemalt hatte, nämlich «eine Welt mit entwickelten Zonen und unterentwickelten Polen sowie unterentwickelten Zonen mit entwickelten Polen. In den entwickelten Zonen holen wir Menschen herein, beuten sie aus, und wenn sie kaputt sind, schicken wir sie wieder zurück.» «Wenn man sich die illegalen Migranten bei uns anschaut und handkehrum Bangalore in Indien, dann ist diese sehr gruselige Vision schon Realität geworden», sagt Klaus Bade.
      Das Zeitalter der Zäune und Mauern, das 1989 zu Ende schien, hat eben erst begonnen. «Ich fürchte», sagt Bade, «es wird noch sehr leichig werden.»
      Buchhinweise:
      Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer (Hrsg.): «Enzyklopädie: Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart», NZZ-Verlag, 148 Franken
      *Adam Hochschild: «Sprennt die Ketten. Der entscheidende Kampf um die Abschaffung der Sklaverei», Verlag Klett-Cotta 2007
      «Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines grossen, fast vergessenen Menschheitsverbrechens», Klett-Cotta, 2006


16.07.2026 © 2026 Nikolaus W. Müller ‹ Top ›