Nachnamen - Familiennamen: Entstehung / Bedeutung

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Josef Schoch

Nachnamen-Familiennamen: Entstehung/Bedeutung

Beitrag von Josef Schoch » So 21. Jun 2009, 07:36

Grüezi
Seit Jahrzehnten befasse ich mich mit der Ahnenforschung. Der Bestand weist daher auch viele tausend Daten von Personen auf. Zur Zeit interessieren mich vor allem auch die Nachnamen, besonders aus der Schweiz. Es stellen sich nun folgende Fragen:

1. Vor ca 2000 Jahren bezeichnete man die Personen nur nach dem Vornamen, mit zusätzlicher Benennung von Ortschaften, Berufen etc.
Seit wann wurde der Nachname beigefügt?

2. Wer kann Hinweise/Info über Nachnamen geben?

3. Wo kann man entsprechende Literatur beziehen mit Priorität Schweiz?
Vielen Dank für Antwort und schönen Sonntag Josef Schoch Bischofszell CH



Thomas
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Nachnamen-Familiennamen: Entstehung/Bedeutung

Beitrag von Thomas » So 21. Jun 2009, 09:26

Vor ca 2000 Jahren bezeichnete man die Personen nur nach dem Vornamen, mit zusätzlicher Benennung von Ortschaften, Berufen etc.
Das trifft höchstens für die von Norden her in die Schweiz und in andere Gebiete des römischen Reichs eindringenden Völker zu, nicht aber für die Römer: Sie kannten sehr wohl eine Geschlechtsnamenskultur, zumindest in den besser gestellten Familien. Ein Römer trug in der Regel drei Namen: Vorname, Geschlechtsname, Beiname. Gaius Julius Caeser hiess mit Vornamen Gaius, er stammte aus dem Patriziergeschlecht der Julier und er trug den Beinamen Caesar.

Gruss

Thomas


Thomas Illi, Wolfhausen

hhg
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Familiennamen

Beitrag von hhg » So 21. Jun 2009, 10:08

Hallo,

es dürfte wohl um die Jahrtausendwende liegen, dass auch für die einfacheren Leute Namenszusätze verwendet wurden, die aber vorerst - bei Ortswechsel oder anderer Tätigkeit - sich noch ändern konnten. Sie blieben auch noch lange nachrangig ( in den Berner Udelsbüchern um 1400 sind die alphabetischen Auflistungen noch nach Vornamen geordnet), wurden dann um diese Zeit wohl bereits an Nachkommen "vererbt".

Die allgemeinen Grundlagen dafür sind in einigen Fällen leicht nachvollziehbar, wenn sie auf Berufen oder Vornamen der Vorfahren oder Naturbegriffen zurückgehen. Bei geografischen Begriffen wird es durch sprachliche Verballhornungen oft schon komplizierter.

Von den eigenen Vorfahren die ältesten Schreibweisen herauszufinden und vor allem auch, wo diese vorkamen (was in der Schweiz ja über die Heimatberechtigungen leicht möglich ist), könnte was bringen.

Vielleicht helfen diese Tipps nicht viel weiter? Zumindest könnte ich bei dieser Gelegenheit noch loswerden, dass ich sehr an Gündrich/Güngerichs interessiert wäre, falls solche unter deinen/Ihren Daten auftauchen ...

Viel Glück beim Forschen, Helmut



Ulrich
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Nachnamen-Familiennamen: Entstehung/Bedeutung

Beitrag von Ulrich » So 21. Jun 2009, 13:27

Seit Anfang des 12 Jahrhunderts kann man den Übergang zur Zweinamigkeit feststellen wobei der zweite Name damals meistens ein Beiname war der sich auf eine Tätigkeit bezog.

In Zürich (ne die Schweizer haben´s trotzdem nicht erfunden) fand man etwa ab 1170 keine Personen mehr nur mit Rufnamen. Je weiter man nach Norden kommt desto später wurde es in Bremen etwa war es erst seit Anfang des 14. Jahrhunderts unüblich nur einen Rufnamen zu verwenden. Auch war es regional in den Landesteilen unterschiedlich wann ein zweiter Name mitverwendet wurde. Es dauerte zum Beispiel in Friesland bis ins 19. Jahrhundert bis sich dort die Zweinamigkeit durchsetzte.

Diese Angaben habe ich aus dtv-Atlas Namenkunde. Das Buch ist sehr informativ und auch lesenswert wer sich für Namenkunde interessiert.


gruss

Uli

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Stephleuen
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Nachnamen-Familiennamen: Entstehung/Bedeutung

Beitrag von Stephleuen » So 21. Jun 2009, 15:18

Paul Zinsli und Peter Glatthard sind beides annekanntte Wissenschaftler auf dem Fachgebiet der Ethymologie = Namenkunde. Von beiden gibt es zur Schweiz Standartwerke. Ebenso empfehle ich Johann Ulrich Hubschmid. Um deren Ausdrücke besser zu verstehen rate ich das Idiotikon zu Hilfe zu nehmen = eine Art Lexikon zur Mundart in der Schweiz.

Von einer Tradition von Zunamen oder Familiennamen von einer Zeitspanne von 2000 Jahren ist wohl etwas weit ausgeholt. Die Schweiz wurde in verschiedenen Bewegungungen besiedelt. Einmal von Westen durch die Romanen desssen Grenze in etwa dem linken Aareufer entlang verläuft und in einer weiteren Phase etwa im 5 Jh. durch die Allemannischen Volksstämme die von Norden über den Rhein vorstiessen. Beide Völker haben die Kelten und die Römer vertrieben.

Familiennamen die romanischen Ursprung aufweisen kommen vorsichtig geschätzt etwa im westen der heutigen Schweiz vor, also auf der linken Seite der Aare. In Niederbipp und Heimemnhausen Kt BE existieren heute noch romanische Heidenstöcke = kleine Steinhäuschen von 10 - 15 Quadratmeter die der Aufbewahrung von Heu dienen.

Unsere Familiennamen haben in breiten Flächen unseres Landes allemannische Ursprünge. Eines der ältesten Siedlungsgebiete ist zweifellos die Klosteranlage St.Gallen. Eine der ältesten Urkunden des schweizerischen Mittellandes stammt aus dem Jahre 795 und nennt neben vielen anderen Ortschaften die Orte Madiswil als Madalestwilare und Rohrbach. Es handelt sich dabei um eine Schenkung die Heribold der allemannischen Sippe der Adalgoze mit Sitz auf dem Kirchhof zu Herzogenbuchsee zu Handen der Kirche Rohrbach macht. Die Kirche Rohrbach geht wenige Jahre später mit allem Zugehörd an das Kloster St.Gallen über. Weitere Urkunden folgen bis zum Jahr 861 wo Langenthal zum erstenmal genannt wird. Diese sogenaten St.Gallerurkunden weisen eine ganze Reihe von Ortsbezeichnungen auf die heute noch bestehen. Sie beinhalten auch im einzelnen eine unzählige Reihe von Personen die allesammt einer gehobenen allemannischen GEsellschaft anghören. Die Personen werden darin nur mit einem Namen bezeichnet. Also Zunamen sind aus dieser Zeit keine bekannt.

Die Bildung von Zunamen setzt in der Schweiz mit der Einsetzung der fränkischen und karolingischen Herrschaftsstrukturen ein. Leute die dem Adel angehören eigneten sich Zunamen an, schon rein aus einem bestimmten Standesbewusstsein heraus. Diese Zunamen waren den vielfach nach einem Merkmal ihres Familienstammsitzes gewählt und sehr schnell und früh vom Vater auf den Sohn vererbt worden.

Eine zweite Bildung von Zunamen verlangte das dichte Beeinander in den neu gegründeten Städten wie Bern, Zürich, Freiburg etc. Dort waren es die privilegierten Stadtburgerschaft dann die Handwerker die sich von einander unterscheiden wollten.

Ab etwa zweite Hälfte des 13. Jh. bilden sich auf dem Land Zunamen die sich über eine relativ kurze Entwicklungszeit zu vererbbaren Familienbezeichnungen entwickelten. Grundsätzlich lassen sich diese Namen in vier Gruppen einteilen; A Siedlungsnamenm, B Personennamen, C Tätigkeitsnamen, D Spitznamen die sich aus einem körperlichen oder chrakterlichen Eigenschaften einer Person entwickelten. In den Fontes Rerum Bernensium ist diese Entwicklung eindrücklich zu beobachten. Da wird dem Zunamen noch ein Anhängsel das zur identität der Person beiträgt angefügt das in etwa lautet inferior - superior - junior - senior oder der ältere oder der jüngere. Gegen Ende des 14. Jh. kann im bernischen Mittelland bereits davon asugegangen werden, dass die Zunamen schon vererblich und verbindlich für eine und die selbe Famile sind. 1432 verkauft Thüring von Aarburg die Herrschaft Gutenburg mit den Orten Rütschelen, Lotzwil, Obersteckholz und Teile von Madiswil der Stadt Burgdorf. In dieser Urkunde werden die Leibeigenen mitverkaufft und allesammt mit Vorname und Nachname genannt. Zeitgleich erwirb die Stadt Bern aus der Hand der Grünenberger die Herrschaft Aarwangen. In der Verkaufsurkunde werden die Leibeigenen ebenfalls alle mit Namen und Vornamen aufgeführt.

Zu den Siedlungsnamen die ja eine grössere Zahl der Familien ausmachen ist zu sagen, dass diese nun entweder auf eine romanische Besiedlungszeit oder auf eine allemannische Besiedlung zurückführen. Der Zusammenhang besteht vorallem in der Entwicklung der indogermanischen Sprache die ebenfalls auf die romanischen Völker Einfluss einnamen.

Weiter hier in die Details zu gehen sprengt leider den Rahmen dieses Forums. Dazu zu sagen ist noch, dass sich in der Sprachentwicklung eine Lautverschiebung stattfand die sich ungefähr vom Berneroberland bis in den Mitteldeutschen Sprachraum verschoben hat. Das heisst, dass die Mundartsprachen des schweizerischen Mittellandes, der Zentralschweiz, der Ostschweiz und die plattdeutschen Sprachen bis in den Mitteldeutschen Sprachraum und weiter bis nach Österreich auslauffend die gleichen Ursprünge und Wurzeln haben.

Im Kloster St.Gallen wurde bereits im 7. Jh. eine Schriftsprache entwickelt die sich von der heutigen Schweiz bis weit in den mitteldeutschen Sprachraum durchsetzte. Nachdem im 11. Jh. das Urkundenwesen wieder einsetzte wurde im 12. Jh. der St.Gallerstil von der Stadt Bern aufgenommen und zu einer Kanzleisprache entwickelt die wiederum bis in den mitteldeutschen Sprachraum angewendet wurde. Das hängt vorallem damit zusammen, dass St.Gallen als geistige Intstitution ihren Besitz im schweizerischen Mittelland bis nach Mitteldeutschland ausgebreitet hat und die Stadt Bern als mächtigste Stadtrepublick nördlich der Alpen ihre wrtschaftlichen, politischen und territorialen Interessen bis weit nach Norden ausweitete.

Die weitere Entwicklung von den Familiennamen seit deren Einsetzung bis zur amtlich festgelegten Schreibweise um 1820 - 1850, hängt nun von der Entwicklung der gesprochenen Sprache einerseits und andererseits von der Entwicklung der Schriftsprache ab.
Sie können also durchaus auch deutsche Literatur zur Deutung von Familiennamen verwenden. Zinsli, Ramseyer, Glatthard und Hubschmid verwenden für ihre Arbeiten allesammt ebenfalls auch diese Literatur.

Gruss

Stephan Leuenberger



Stephan Leuenberger
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hhg
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kleine Naseweisheit ...

Beitrag von hhg » So 21. Jun 2009, 19:40

... zu den "vertriebenen Kelten und Römern": Die Alemannen sind wohl nur einmal kriegerisch durch das römische Helvetien gezogen und wurden wieder zurückgedrängt. Als Rom später selbst in Bedrängnis kam, zog es seine Legionen ab und hinterließ nur einige Veteranen, die, ebensowenig wie die verbliebene keltische Urbevölkerung, wohl wenig Widerstand gegen die einsickernden Alemannen geleistet haben (die ja ihrerseits von den Franken stark eingeengt waren). Ohne Alemannen gäbe es in der Schweiz kein deutsch, kein Bern und keine Gündrich/Güngerichs ...



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