
Quelle:Mit dem Betreff: „Verwandten suche; Stammbaum Reinhard“ landete am 7. April eine E-Mail aus der Schweiz im elektronischen Postkasten der Lokalredaktion. Ein Urs Zürcher bat um Hilfe, seine Verwandtschaft in Deutschland ausfindig zu machen. Der 64-Jährige war bei seiner Ahnenforschung auf eine Todesanzeige im Nordkurier gestoßen. „Es gab bis dahin überhaupt keine Spur, wo ein Teil der Verwandtschaft meines Großvaters abgeblieben ist. Klar war nur: irgendwo in Deutschland“, sagt Urs Zürcher. Viele Jahre hieß es immer nur, die sind in der DDR“, sagt er.
Seit Urs Zürcher jedoch pensioniert ist und seine Mutter die 90 überschritten hat, konnte er sich tiefer in die Geschichte seiner Familie graben. „Mir war klar, dass mir die Zeit davon läuft. Wer weiß, wie lange meine Mutter noch als Zeitzeugin zur Verfügung steht“, sagt er. Während der großmütterliche Teil des Stammbaums sich lückenlos erschließen ließ, gab es aufseiten des Großvaters von jeher große Fragezeichen. „In den Kriegswirren riss der Kontakt zu zwei Geschwistern ab“, sagt Urs Zürcher.
Spur verlor sich im Winter 1945
Dreh und Angelpunkt seiner Recherche wurde schließlich Egon Sturmhöfel, der Cousin seiner Großmutter. Die Spur verlor sich im Winter 1945, als die Menschen aus Ostpreußen vor der herannahenden Roten Armee flohen. Dort in Ostpreußen hatte sich der Schweizer Fritz Reinhard ein neues Leben aufgebaut. „In seiner Schweizer Heimat sah er keine Perspektive. Die Eltern hatten ihn als Verdingbub weggegeben. Er floh nach Deutschland“, erzählt Urs Zürcher.
Dass der Schweizer Pass die Familie mal vor dem Ärgsten retten würde, konnte der junge Mann nicht ahnen. Doch was hat Fritz Reinhard aus Ostpreußen mit Egon Sturmhöfel, auf dessen Todesanzeige Urs Zürcher bei seinen Recherchen im Nordkurier stieß, zu tun? „Egon war ein Enkel des Schweizer Einwanderers – genau wie meine Mutter“, sagt Zürcher.
Weil das Geburtsdatum in Egon Stürmhöfels Todesanzeigen mit dem übereinstimmte, an das sich Urs Zürchers Mutter erinnerte, startet er seinen Hilferuf an den Nordkurier und landete einen Volltreffer. Kurz nach der Veröffentlichung meldeten sich Ute Gütschow und Irma Barth. „Wir haben nicht schlecht geschaut, die Namen unseres Vaters und unserer Großmutter zu lesen“, schrieben sie in einer Mail an die Redaktion.
Erinnerung an den Opa
Auch Kevin Schuster aus Rostock fühlte sich von dem Nordkurier-Beitrag „Unbekannte Verwandte“ angesprochen. „In meinem Kopf öffnen sich gerade viele kleine Episoden mit meinem Opa, Egon Sturmhöfel. Es ist wirklich verblüffend, woher meine Familie stammt. Ich hätte niemals erwartet, dass ich Vorfahren in der Schweiz habe. Ich dachte immer, dass sich meine Herkunft eher im östlichen Raum Europas abgespielt hat“, schreibt der gebürtige Neustrelitzer. Womit er ja nicht ganz Unrecht hat.
An dieser Stelle treffen nun die Erzählungen der Sturmhöfels aus Neustrelitz mit der von Urs Zürcher aufeinander. „Ich gebe zu, wir haben unseren Vater viel zu wenig nach seiner Vergangenheit gefragt“, sagt Ute Gütschow. Aber auch ihre Mutter, Liane Sturmhöfel, konnte sich nicht an eine Verbindung ihres verstorbenen Mannes in die Schweiz erinnern. „Davon war nie die Rede“, sagt die 85-Jährige. Sie hatte ihren Mann in Wanzka kennengelernt, wohin Flucht und Vertreibung infolge des Zweiten Weltkrieges die Familie Sturmhöfel aus dem ostpreußischen Welau verschlagen hatte. „Meine Schwiegermutter, Frieda Sturmhöfel, und ihre Kinder hatten es mit dem letzten Zug aus Ostpreußen heraus geschafft“, sagt Liane Sturmhöfel.
„Er hat überlebt, sonst hätte ich keinen Großvater“
Und hier kommen wir wieder zurück zu jenem Schweizer namens Fritz Reinhard, der sich um die Jahrhundertwende nach Ostpreußen aufgemacht hatte. Er ist der Vater von Frieda und Oskar Reinhard – dem Großvater von Urs Zürcher. „Der Schweizer Pass hatte die Reinhards vor dem Armeedienst bewahrt, aber nicht vor dem Arbeitslager. Die Russen konnten die Pässe nicht übersetzen, erst 1948 durften meine Vorfahren in die Schweiz zurück“, sagt er. Oskar Reinhard galt indes bei seiner Schwester Frieda und ihrer Familie in Mecklenburg als Kriegsvermisster. „Er hat überlebt, sonst hätte ich keinen Großvater“, sagt Urs Zürcher und freut sich, seine deutsche Verwandtschaft wieder gefunden zu haben.
Veröffentlicht:24.04.2021, 09:05
Von:
Author: Heike Sommer
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