Geschenke des Himmels
von Alex Capus
Das grösste Geheimnis in Eduard Spelterinis Leben war, dass er, der von London bis Moskau und von Kopenhagen bis Kapstadt berühmt wurde als König der Lüfte und Bezwinger der Schwerkraft, der mit Fürsten, Generälen und den grössten Wissenschaftlern seiner Zeit auf vertrautem Fuss stand und in den mondänsten Hotels von Paris, Wien, Konstantinopel und Kairo ein und aus ging - dass er seiner Herkunft nach gar kein Weltbürger war, sondern am 2. Juni 1852 in einem weltabgeschiedenen Bauerndorf namens Bazenheid im Toggenburg zur Welt gekommen ist. Auch hiess er mit bürgerlichem Namen nicht Spelterini, sondern war der leibliche Sohn des Schankwirts und Bierbrauers Sigmund Schweizer und dessen Ehefrau Maria Madgalena, geborene Sütterli. Bis an sein Ende hat er das keinem Menschen verraten. Weshalb, weiss man nicht.
Sicher ist, dass der kleine Eduard hier die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte, Ob er aber auch in Bazenheid zur Schule ging, ist ungewiss. Will man der kurzen Reihe seiner Biografen glauben, die sich fast alle vertrauensvoll aufeinander berufen, verschwand Eduard schon als Achtjähriger aus dem Toggenburg. Um das Jahr 1860 soll es gewesen sein, dass sein Vater, von Sehnsucht nach dem Süden gepackt, Bierstube und Brauerei verkaufte und ein Heimwesen in der Nähe von Como erstand, von wo aus Eduard fortan nach Lugano zur Schule ging, Italienisch lernte und bald auch entdeckt haben soll, dass er über eine sehr schöne Stimme verfugte, die sich bestens zum Singen italienischer Opern und Operetten eignete.
Ein Korb für die Freiheit
Beweisen oder widerlegen lässt sich die schöne Geschichte von der Auswanderung in den Süden nicht. In Bazenheid reichen die weltlichen und kirchlichen Archive nicht weit genug in die Vergangenheit, und in Lugano wurde, soweit bekannt, niemals ein Schüler mit Eduards Namen verzeichnet. Entscheidet man sich aber dafür, dieser Geschichte zu folgen, so zog Eduard kurz nach dem achtzehnten Geburtstag, mittlerweile erwachsen und sozusagen zum Italiener herangereift, nach Mailand und dann weiter nach Paris, um sich am Konservatorium zum Opernsänger ausbilden zu lassen. Dort aber erkrankte er an Tuberkulose, führ zur Kur nach Südfrankreich und erhielt in Marseille zufällig Gelegenheit für eine erste Ballonfahrt, als ihm ein ängstlicher Passagier in letzter Minute den Platz in der Gondel überliess.
Das kann alles so gewesen sein - auch wenn am Konservatorium von Paris zur fraglichen Zeit weder ein Student namens Spelterini noch ein solcher namens Schweizer immatrikuliert war. Vielleicht wars aber auch ganz anders. Vielleicht war es so, wie Oberst Ernst Theodor Santschi, ein anderer Pionier der Ballonfahrt und viele Jahre Kommandant der schweizerischen Luftschifftruppen, der Eduard persönlich gekannt hat, Mitte des letzten Jahrhunderts behauptete: dass der junge Eduard erst mit achtzehn Jahren das Elternhaus in Bazenheid verliess, und zwar Hals über Kopf von einem Tag auf den anderen, um in Hamburg eine kaufmännische Lehre zu machen.
Wie auch immer. In jedem Fall muss Eduard irgendwann Mitte der 187oer-Jahre irgendwo erstmals in den Korb eines Fesselballons gestiegen sein. Und in dem Augenblick, da er zum ersten Mal in seinem Leben die Schwerkraft überwand, dem Himmel entgegenschwebte und sich endgültig von der bäuerlichen Scholle löste, die ihn und seine Vorfahren seit Anbeginn der Zeit festgehalten hatte, muss er beschlossen haben, den Namen seiner Väter genauso abzulegen wie das Andenken an seine Herkunft, sich fortan Spelterini zu nennen und fernab aller Erdenschwere ein freies, ungebundenes Leben über entlegenen Ländern und den schönsten Städten dieser Welt zu führen.
Von da an war Spelterini überall und nirgendwo zu Hause. Wie ein Komet tauchte er ab und zu aus fernen Landen auf, für kurze Zeit nur, um ebenso schnell und lautlos wieder zu verschwinden. Niemand wusste, woher er kam, wohin er ging, wovon er seinen Lebensunterhalt bestritt, noch ob er Junggeselle, verheiratet oder Witwer war.
Einigermassen gesichert ist, dass sich Eduard Schweizer-Spelterini ab Mitte der 1870er Jahre oft in Paris aufhielt. (...)
Quelle:
Mit dem Ballon über die Alpen, Erste Auflage, Zürich 2011, S. 71