Noch ein Nachtrag:
Dem Leutpriester Melchior Estermann (geb. 30.03.1829 in Kägiswil/Gunzwil, gest. 11.12.1910 in Beromünster) verdanken wir mehrere heimatkundliche Bücher über den Kanton Luzern. Darin sind auch Details zur Familiengeschichte der Estermanns zu finden.
Im Buch "
Die Heimathskunde für den Kanton Luzern: Geschichte der Pfarrei Rickenbach", erfahren wir ab Seite 275, wie die Estermanns nach Rickenbach und später nach Neudorf kamen.
Im Buch "
Die Heimathskunde für den Kanton Luzern: Neudorf" ab Seite 237 geht Estermann auf die Ereignisse des Jahres 1655 ein.
Kurzfassung:
Im Jahre 1520 erschien in Rickenbach der Müller Hans Estermann und erhielt vom Stift Münster zwei Güter in Niederwil zum Erblehen. Kurze Zeit später folgten zwei seiner Brüder, Heini und Wolfgang. 1546 wird noch ein Georg Estermann erwähnt, vermutlich ein weiterer Bruder, über den aber nicht viel bekannt ist. Wolfgang hatte bis 1528 den Emmethof in Menziken betrieben (heute Aargau, damals Bern), dann aber vermutlich wegen der Reformation das Berner Gebiet verlassen.
Der Müller Hans Estermann hatte von zwei Frauen neben mehreren Töchtern drei Söhne. Der Älteste, Kleinhans, heiratete nach Kägiswil und übernahm dort den Kreuzhof. Der zweite Sohn, Hans, blieb in Niederwil und übernahm nach des Vaters Tod 1563 die Mühle. Der jüngste Sohn Martin war mehrmals verheiratet und hatte folgende Söhne: Daniel, Klaus, Jacob, Hans, Martin und Ruedi. Daniel und Klaus siedelten sich um 1610 in Neudorf an und wenig später kamen auch alle anderen Brüder. Der zweitjüngste Sohn Martin ist jener, der 1621 in Neudorf die Maria Wapf geheiratet hat. Er ist also um, oder wenig vor 1600 in Niederwil geboren. Diese Estermanns blieben bis ca. 1715 in Neudorf und zogen dann weiter nach Adeschwil. Von dort kamen dann später wieder einzelne Familienmitglieder zurück nach Neudorf.
Heini Estermann übernimmt 1545 den Rinacherhof in Kägiswil. Bereits 1543 hatte er den Emmethof in Menziken, der einst seinem Bruder Wolfgang gehörte, zurückgekauft. Er besitzt noch weiteren Grund und hat bis zu seinem Tod 1570 bedeutenden Reichtum erworben. Seinen Nachkommen gehört noch zu Melchior Estermanns Zeiten fast ganz Kägiswil.
Auch der dritte Bruder Wolfgang hatte viele Nachkommen. Da er aber kein Testament hinterließ, wissen wir nicht viel über sie, außer dass die Meisten in Rickenbach lebten.
Laut Melchior Estermann sind alle noch heute in der Gegend lebenden Estermanns Nachkommen dieser 3 Brüder. Im Staatsarchiv Luzern gibt es sogar einen
Stammbaum des Hans Estermann (dem zweiten Sohn des Müllers).
Über die Verfolgung der Estermanns in Neudorf 1655 erfahren wir Folgendes:
"Die Wiedertäuferei findet Gehör in Neudorf bei der Familie Estermann. Hans Estermann der Alt, ein angesehener Mann, hatte einen Knechten, den Berner Basche; dieser wusste sich die Zuneigung der Tochter seines Meisters zu gewinnen, ehelichte sie und zog mit ihr auf die Burg bei Rinach und von da ging er nach Mähren, Eine weitere Tochter wurde 1652 ebenso dahin verlockt und trat der Sekte bei. Zwei Jahre später kam diese zurück, um junge Mädchen für die Sekte zu gewinnen. Die ganze Famile Estermann kam dadurch in den Verdacht der Wiedertäuferei, besonders Junghans Estermann und seine Söhne Hans Rudi und Martin. [...] 1655 den 14. Oktober leitete der Rath in Luzern einen Untersuch ein. 15 Personen, mit ihnen Claus Schmid, der Schweinehirt des Dorfes, kamen in Verhaft. Die Neudorfer gaben der Familie Estermann das Zeugnis, dass sie ein sehr ehrbares Leben führen, niemals fluchen, fleißig arbeiten, aber niemals über Glaubensfragen reden, heimlich fleißig Bücher lesen, niemals tanzen oder singen. [...]Der Rath erkannte schon am 14. Oktober: dass sie dieser Sekt nit sind, und sovil ihnen von nöthen in unserem wahren Glauben wohl unterricht, wol haben si sich mächtig argwönischt gemacht, indem si zu den widertäuffern gewandlet und gehandlet auch ihre Kind zu den Täuffern ins Land abengehen und dienen lassen, hiermit hat man si uf hüt der gefangenschaft ledig und los auch dieser halben für unschuldig erkendt, daß ihnen dises nit solle ufgehebt nochvorgehalten werden."
Die Geschichte ging für die Estermanns also glimpflich aus. Da die Vorwürfe aber vermutlich doch nicht ganz aus der Luft gegriffen waren, verließen in der Folge etliche Familienmitglieder die Schweiz in Richtung Elsass, Baden, Pfalz und Württemberg.
Viele Grüße
Bernd