Das Tagebuch meines Großvaters aus dem 2. WK

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BayerF
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Das Tagebuch meines Großvaters aus dem 2. WK

Beitrag von BayerF » Do 12. Dez 2013, 17:41

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Zerschossener Bahnhöfen, Soldatengräber,
trostlos ist die Fahrt. Nach dem Ausladen Biwak in einem
Wald. Bereitstellung zum Angriff. Massig Ausfälle. Frontwechsel zum
Wolgow. Abgekämpfte deutsche Landser. Artilleriedonner.
Lange Kolonnen von Pferdefuhrzeugen bringen Gefallene
Kameraden zurück. Hunderte, Tausende. Sie werden abge-
laden, aufgeschlichtet und begraben. Wir sind Feuerwehr
wos brennt, da wirft man uns hinein. Ich komme
mir vor als wenn man uns zum Schlachthof bringt.
Hier nenne ich Gaitolowo. Ein sehr umkämpfter
Ort. Wir lösen sächsische Infanterie ab. Es geschieht
bei Nacht. Schweres Artilleriefeuer liegt in dem Raum.
Morgen sollen wir eine Front begradigen. Vorsichtig

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schieben wir uns in die Ausgangsstellung. Über Leichen steigen
wir. Es riecht übel. Es sind nur eine Handvoll Infanteristen,
die keinen Menschen mehr gleichen so verschmiert voll
Dreck sind die hageren Gestalten. Wir wird es uns wohl
hier ergehen? Die Nacht ist lang die Ablösung vollzieht sich rasch.
Wir warten auf den Morgen. Wir sind ja kampftüchtig
dem Iwan morgen wird nicht leicht. Bei Morgengrauen
beginnt der Tanz. Artillerie, Stukas, Nebelwerfer leiten
das übliche grauenvolle Konzert ein. Unser Angriffsziel
ist bekannt. Nur noch wenige Minuten zum Angriffs-
beginn. Da die Artillerie legt das Feuer vor. Auf
Marsch, marsch. Hurra hinein in den Graben. Handgranaten
fliegen und detonieren, MGs knattern ich schieße mit
meine M.K. wer Platz hat der Iwan weicht nicht. Heiß
wird gekämpft mehr für mehr. Kameraden fallen,
Verwundete schreien nach den Sanitätern die haben voll mit
zu tun. Handgranaten hinüber, herüber. Russische Panzer
rollen an. Du lieber Gott. Es kracht und pfeift. Einen
Graben hatten wir aufgerollt. Flammenwerfer zucken,
Leichen und nochmals Leichen. Mein Häuflein
schrumpft gewaltig zusammen. Wir liegen im Dreck,

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springen, schreien, schießen. So toll wars noch nie.
Erst gegen Abend waren wir am Ziel. Es waren
nur ein paar Kilometer, die wir nahmen, welche.
Verluste. 11. 12. und 13. Kompanie hat keinen Offizier
mehr, alle gefallen. Wir halten die Stellung. Melder
rennen hin und her. Es wird Nacht. Von fast fünfzig
Mann habe ich noch 18 Mann. Vor der Nacht graut
mir. Ich sitze auf einen Haufen Toter. Rauche eine
Zigarette um die andere. Hunger hab ich keinen nur Durst.
Es friert mich. Der Iwan fühlt vor ein Handgemenge
wir werfen ihn zurück. Wenn es bloß Tag wäre.
Es kommt warmes Essen nach vorn u. Munition.
Vor unseren Stellungen schreien markerschütternd Verwundete.
Es wird Tag. Da liegt noch ein Mann vor uns mit
abgeschossenen Bein. Wir versuchen ihn herein zu ziehen. Doch
der Iwan hat kein Erbarmen. Er knallt auf diese
Stelle. Wir versuchen es nochmal mit Nebelhand-
granaten. Im Nebel kommen wir ran und
bringen den Kameraden zurück; aber leider musste
einer von uns ins Gras beißen, weil er dem

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Nächsten das Leben rettete. Gibt’s denn noch einen
Herrgott?
Der Iwan greift an, aber diesmal halten die paar
Männer eisern. 3 x versucht er es noch unter starkem
Gebrüll des Kommissars, aber wir halten. Wieder eine
Nacht. Leuchtraketen und Scheinwerfer erhellen das Vorge-
lände, die ganze Nacht wird geschossen. Wieder kein Schlaf.
So wechseln noch 3 Tage und in der 3. Nacht werden wir
abgelöst. Diese Verluste. Von 120 Mann Kompanie Stärke bringe ich
14 Mann zurück.
Raus aus dem Dreck. Sauna. Bohnenkaffee. Schlaf,
Schlaf. Wo brennts? Weliki Luki !
Alle Straßen sind vermint. Es schneit, Dezember 42.
Die Sumpfgegend ist zugefroren, damit nun keine
Frontlücken entstehen kann steckt man die Gebirgsjäger
dazwischen. Die genügsamste Truppe und beim
Iwan einer der gefürchtetsten. Diese Gegend, diese Hütten,
den Haufen Kinder. Oh jeh. Kalt, Läuse, Hunger,
am Boden liegen wir steif in meinem Quartier,
das der Starost(Bürgermeister) bewohnt. Lieber im

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Dreck, als in diesen muffligen Hütten. Kommt man
erst in solch einen Palast, so meint man es sei unbewohnt;
aber allmählich klettern vom Ofen eine 8 – 10 köpfige
Familie. Wo bloß die Kinder herkommen. Kein Mann
weit und breit. Ich erhalte einen Erkundungsauftrag.
Wir möchten wissen, wo der Iwan steckt. Ich
ging los mit 20 Mann. Partisanen sind in der
Gegend. Sie rücken aus. Ich komme ohne Erfolg zurück, den Iwan
haben wir nicht gefunden. Na dann warten wir
auf ihn. Wir nisten uns ein graben schanzen
sogar ein paar Skier schnapp ich mir. Gehe zum Fischen,
was mir beinahe zum Verhängnis wird. Zu zweit im
Kahn. Ich ziehe das Netz heraus mit einer ganz schönen
Beute. Da werden wir vom Ufer von Partisanen beschossen.
Jetzt heißt es rudern, ich habe bloß eine Pistole, kann auf diese
Entfernung nicht schießen. Nun sind wir am Ufer. Drei Treffer
zählen wir im Boot.
In dem Nest das aus 5 Häusern besteht, ver-
bringen wir einige Tage. Dabei wird’s immer
kälter. Winter in Rußland. Ich bin dran

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mit Urlaub. Diese innere Freude, unbeschreiblich.
Langsam packe ich ein. Nur noch morgen, dann geht’s
dahin. Den Urlaubsschein habe ich in der Tasche. 4 Stun.
zu Fuß zum nächsten Bahnhof. Ein Flascherl
Cognak in der Tasche, aus der ich zweitweise einen
Schluck mache beschleunigen die Schritte. Es ist nicht mehr
weit zum Bahnhof. Es schneit sehr stark. Da brauste
unser Meldefahrer heran. Befehl vom Batl. Urlaub
gesperrt, sofort zurück. Der Iwan ist durchgebrochen. Da habe
ich aber wie noch nie geflucht. Das muß doch mir
passieren.
Das Regiment ist im stärksten Abwehrkampf. Es brennt
und heult; aber wir halten. Nachts geht’s raus aus
dem Schlamassel. Wir verladen, aber der Iwan ist
auch schon da. Wir sitzen auf Kohlen. Gehts noch.
Unser Kommandeur steigt selbst zum Lokomotiv-
führer hoch und es gelingt. Unter schweren Be-
schuß rücken wir immer weiter von der Front weg.
Dieses Ungewisse immer. 6 Tage und Nächte brauchen
wir von Norden nach Süden. Kalt ists. Ich

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trinke den verfluchten Schnaps. In meinem
alkoholischen Dusel fliege ich aus dem Wagen während
der Fahrt. Der Zug fährt langsam und es gelingt mir
unseren Verpflegungswagen zu erwischen. Schnell war
ich nüchtern nach dieser Anstrengung und nach eini-
gen Tassen Kaffee. Endlich sind wir in Stalino.
Ausladen, Nachtmarsch wohin? Stalingrad? Was
wußten wir schon von der Lage. Rostov wird im
Fußmarsch erreicht. Oh du liebes, weites, großes Rußland. Wir
erfahren von der verbrauchten(?) 6. Armee. Alsdann hinein.
Stalingrad erreichen wir nicht mehr. Wir kommen
bis Millorwo . Zurückflutende rumänische und
italienische Soldaten. Die Waffen haben sie fort-
worfen. So sind wir mal wieder mit einer SS. Division
allein. Die anderen zurück wir vor. Weihnachten.
Wir stehen am Bahnhof. Welch ein Betrieb . Verwundete
R.K. Schwestern unter Dampf stehende Züge. Artillerieeinschläge
mitten unter die Verwundeten. Da ist die Hölle los.
Raus! Ich nimm mir ein kl. Weihnachtsbäumchen
untern Arm und gehe in die Unterkunft, ein
Auf die Scheisskerle an Italienern hatten wir eine Mörder
wut. Feige bis in die Knochen.

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fluchtartig verlassenes Lazarett. Oh wie siehts hier aus.
Tote in Säcken liegen auf allen Treppen hoch und es ist ??? kalt
Vollgepfropft sind sämtl. Räume von Geb. Jäg. Der
nächsten Dinge harrend. Die meisten haben Läuse.
Ich spüre auch ein Krabbeln. Ich ziehe mein Hemd
aus oh welch Schreck. Diese Biester. Schöner Hlg. Abend.
Wollten uns eben fertig machen zu einer kleinen Feier.
Da muß ich zum Kommandeur. Gef. Vorg.. In einer
halben Stunde Abfahrt mit L.K.W. Schneegestöber,
berstende Granaten ohne warme Bekleidung. Nikotowka
heißt dieser schöne Ort. Ich stelle Posten aus, in einer
Kate kommt eine Russin nieder. Da Alarm! Der
Iwan. Panzer rollern daher. So, fröhliche Weihnachten.
Raus und schon ein direkter Beschuß. Die Hütte brennt.
Im Höllentempo geht’s mit dem L.K.W. zurück. Überall
Russen. T34. Das ist ja heiter. Unsere Flak feuert
Weihnacht. Der Iwan ist mit Panzern schon in der
Stadt. Herrliches Feuerwerk. Wie durch ein Wunder
entkomme ich mit meinen Leuten. Zwischen zwei
T34 bei starkem Schneegestöber fahren wir auch in die Stadt. Alles ist Alarm
gesetzt. Nun beginnt der Höllentanz. Stalin Orgeln die

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liebliche haut rein. Gott sei Dank hier sind Gräben.
Wir besetzen sie rasch. Endlich Tag. Groß Angriff vom
Iwan. 40 Panzer greifen an. Sie kommen immer
näher. Ich hocke in einem Schützenloch. Ist das ein
Gefühl, wenn ein solch Ungeheuer von einem
T34 nach allen Seiten spuckend über einen rollt.
Ich mache die Augen zu. Jetzt ist es aus. Dreck fällt mir in den Nacken
die Erde zittert. Er ist über mich gerollt. Da jetzt schießt
unsere schwere Flak und wie. Der Panzer Angriff blieb
stehen. Es wird ruhiger. Daheim sein im Bett schlafen können,
nur nicht bei unter 35 ° Kälte hier so furchtbar weit
von zu Hause entfernt sein müssen. Das Gesicht brennt. Diese verfluchte
Kälte. Nicht zum Aushalten. So halten wir die Stellung.
2 Divis. sind eingeschlossen und das zu Weihnachten.
Wir sollen entsetzt werden. Frische Divi. von Frankreich
sind unterwegs. Wir sind enttäuscht. Der Iwan
bringt es durch den Lautsprecher, daß diese weichen Div.
vollkommen aufgerieben wurden. Mir graust vor
meiner Gefangenschaft. Nun liegen wir schon 3 Tage
und Nächte hier im Dreck. Bei Dunkelheit ging's los
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drüben. Gebrüll der Kommissare und sie jagen den Iwan und hinein in den Tod.
Wir schießen wie die Verrückten. Kreuz und Quer. Der
Iwan kommt nicht durch. Oft ist es zum Zerreißen.
Keine Ablösung mehr vorhanden. So gings bis übers Neue
Jahr. Am 3. Jan. liege ich auf ein Strohhaufen und schieße
mit einem it. Scharfschützengewehr. Da krachts und
eine Pak nahm mich aufs Korn. Der Haufen brennt
ich springe in Deckung. Er waren drei Mann im Loch.
Da wars geschehen. Ein Knall ein dumpf Geberste. Ich
weiß momentan von nichts. Da ich blute, meine
Beine. Fetzen hängen noch von der Uniform dran.
Ich kann mich nicht bewegen. Ich rufe, schreie nach
dem Sani. Nichts rührt sich. Nur Granaten bersten.
Ich verbinde mich selbst. Die Hauptschlagader binde ich ab. Nur
nicht verbluten. Nun bin ich verwundet und
eingeschlossen dazu. Ich rauche. Da kommt der Arzt. Wie
steht es. Da seh ich schwarz für die Beine meinte er.
Sie tragen mich zurück. Verbandplatz. Dieses Ge-
jammer. Ich bin operiert. Beine noch dran. So
eine Sorge los. Ich habe Besuch. Zigaretten und Likör
in genügenden Mengen. Eine Panzerdiv. kämpft
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die Straße frei. Bei 30° auf einem Panzer mit
zerschossenen Beinen, das war nicht gerade angenehm. Aber
raus raus und weg von diesem Hexenkessel.
Da gesellt sich die Ruhr zu mir. Was man bloß
alles aushalten kann. Ich glaube sterben zu müssen. Da ist jetzt Ende im Lazarett im
rückwärtigen Frontgebiet. Für kurze Zeit, dann werde ich nach
Dipropetrost verlegt. Dann lande ich in Warmbrunn
im Riesengebirge. Nach einem Jahr sehe ich meine
Familie wieder. Ich habe mich gefreut.
Endlich werde ich entlassen und im Mai bin ich zu
Hause.
Ersatztruppenteil. Mir graut es. Ausbildung. Rekruten,
die nicht einmal deutsche Laute verstehen, nur diese Herren,
die meist nur einige Tage an der Front waren.
Ich gehe wieder freiwillig nach Rußland.
Erst muß ich zu einem Kurs nach Finnland.
Wieder im Zug. Auf nach Reval. Von da mit Trans-
porter wieder mal über Wasser. Kärhä, Helsinki.
Herrlich waren diese 14 Tage in Finnland. Dann
bin ich in Salzburg. Abschied von den meinigen.
und wieder gegen Osten. Brest-Litowsk, Minsk.
SkiBrigade nennt sich mein neuer Haufen.
Da stelle ich eine Komp. zusammen. Partisanen kämpfe
dann wieder hinein Pripjet Sumpf. Erst harmlos,
dann ganz toll. Gut daß es Winter ist.



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