Leichensager

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Boxe
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Leichensager

Post by Boxe » Sat 18. Mar 2006, 10:00

in einem Adressbuch der Stadt Tübingen von 1870 kommt der Beruf:
Leichensager vor?
Kennt jemand die Bedeutung ?


Beste Grüsse
Hansmartin Unger

Nico
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Leichensager

Post by Nico » Sat 18. Mar 2006, 16:52

Hallo Hansmartin,

die Brufsbezeichnung Leichensager gibt's bis in die heutige Zeit. In der Friedhofssatzung der Stadt Kaufbeuren beispielsweise ist folgendes vermerkt:
§ 13
(1) Bei jedem Sterbefall und jeder Überführung von auswärts müssen die Hinterbliebenen einen Leichensager beauftragen.
(2) Der Leichensager ordnet die Benutzung der Bestattungseinrichtungen.


Grüße,
Nico


Nico

Wolf
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Leichensager

Post by Wolf » Sun 19. Mar 2006, 11:59

Die Frage wurde auch auf der Mailingliste der SGFF gestellt - hier eine Auswahl der Antworten aus der Schweiz:

Christian Nänny schreibt
Das war Derjenige, der bei einem Todesfall durch das Dorf ging und das Ereignis mündlich kund tat.
Franz Ruetz schreibt
In Zeiten ohne Telefon und schnelle Post beauftragte die Familie einer/s Verstorbenen eine/n Leichensager/in, um den Verwandten/Freunden/Bekannten mitzuteilen, wer verstorben ist und wann die Leich (=das Begräbnis) samt Totenmahl stattfindet.
Da gibt es eine lustige Beschreibung dazu von Luise Köml "Die Störleute" mit z.B. der Leichensagerin Sefa (=Josefine) als "s'heulend Elend".
Josef Schoch schreibt
Zu diesem Thema kann ich aus eigener Erfahrung erzählen aus dem Dorf Niederbüren/SG:
Meine Mutter Ida Schoch-Sutter war Leichenbitterin und reichte im Aug. 1944 ihren Rücktritt vom Amt ein. Vom Gemeinderat erhielt sie folgende Antwort (wörtlich):
"Die Demission der Frau Ida Schoch-Sutter, Dorf, wird nicht angenommen, da derzeit die ordentliche Stelleninhaberin Frl. B.R. zufolge Krankheit ihre Funktion nicht ausüben kann."
Leichenbitterin ist die Person welche von der Gemeinde angestellt war und nach einem Todesfall in jedem Wohnhaus von Niederbüren vorzusprechen hatte und die Todesnachricht überbringen musste und zu bitten: Die Angehörigen ersuchen und bitten um Gebet und Teilnahme an der Beerdigung. Diese fand jeweils in der Regel drei Tage nach dem Tode statt. War niemand zu Hause so wurde ein handgeschriebener Zettel in den Briefkasten gelegt. In den weiter abgelegenen Höfen mussten wir Kinder, zu Fuss diese Mitteilung machen, weil dies für unsere Mutter zu beschwerlich war.
Bernard J.J.Krijbolder schreibt
Auch in den Niederlanden kannte man das Amt vom Leichensager. Auf Niederländisch: "aanspreker" (=Ansprecher) oder "Doodsbidder" (=Toddesbeter). Die Leute in der Strasse redeten von "Kraehe" wegen seiner Uniform. Mein Urgrossvater Josephus Henricus Krijbolder (1853-1929) erfüllte dieses Amt nebenberuflich. Für Interessierte - siehe Google: ein schönes Beispiel ist der Ansprecher Jacob Wieriks.
David von Wyss schreibt
"In Zürich verkündet den Eintritt in's Leben
Ein Mädchen mit Bändern und Blumen geschmückt
Doch hat der Tod die reife Frucht gepflügt
Und wird ein Mensch der Erde wieder gegeben,
So ruft ein Leichenhuhn, Gass' auf und ab,
Die Bürgerschaft an's offne Grab.
Der Künstler mag es wohl lieber halten
Mit jenem als mit der heulenden Alten"

Mein Vorfahr David Hess 1770-1843 unter einer Zeichnung, Freudenmädchen und Leichenbitterin, 1844 gestochen von Franz Hegi 1774-1850.


Wolf Seelentag, St.Gallen

Konstantin Huber
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Leichensäger !

Post by Konstantin Huber » Wed 22. Mar 2006, 12:55

Im Schwäbischen lautet der Begriff bisweilen sogar Leichensäger!!!
(Quelle: Bischoff-Luithlen, Angelika: Von Amtsstuben, Backhäusern und Jahrmärkten. Ein Lese- und Nachschlagebuch zum Dorfalltag im alten Württemberg und Baden. Stuttgart 1979, S. 164)


Konstantin Huber

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