Hexen und Hexer in der Schweiz
Für nicht kantonsspezifische Fragen. Vos messages ne concernant pas spédifiquement un canton. For your non canton specific questions.
Moderator: Wolf
-
Wolf
- Moderator
- Beiträge: 10582
- Registriert: Sa 21. Mai 2005, 17:05
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: St.Gallen, Schweiz
Hexen und Hexer in der Schweiz
Das Historische Lexikon der Schweiz gibt eine Einführung in das Hexenwesen der Schweiz mit zahlreichen Literaturangaben.
Einen breiteren Überblick über die Hexenverfolgung in Mitteleuropa bietet die Wikipedia.
Haben auch Sie eine "Hexe" unter den Vorfahren, oder befassen Sie sich aus anderen Gründen mit der Thematik? Dann berichten Sie doch hier über Ihre Erfahrungen und Ergebnisse - oder stellen Ihre Fragen.
Einen breiteren Überblick über die Hexenverfolgung in Mitteleuropa bietet die Wikipedia.
Haben auch Sie eine "Hexe" unter den Vorfahren, oder befassen Sie sich aus anderen Gründen mit der Thematik? Dann berichten Sie doch hier über Ihre Erfahrungen und Ergebnisse - oder stellen Ihre Fragen.
Wolf Seelentag, St.Gallen
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
-
Wolf
- Moderator
- Beiträge: 10582
- Registriert: Sa 21. Mai 2005, 17:05
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: St.Gallen, Schweiz
Die Zauberei- und Hexenprozesse der Stadt St.Gallen
Manfred Tschaikner
Die Zauberei- und Hexenprozesse der Stadt St.Gallen
unter Mitarbeit von Ursula Hasler und Ernst Ziegler
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2003, 269 Seiten, ISBN 3-89669-762-5
Der Autor beschreibt die Verhältnisse in 3 Phasen:
1. Die Zeit von 1496 (erste Hexenverdächtigungen - aber ohne Verurteilung) bis 1600.
2. Die erste Phase der Hexenprozesse (1601-1617).
3. Die zweite Phase der Hexenprozesse (1640-1694).
Insgesamt bildeten die Zauberei- und Hexenprozesse ein zahlenmässig bescheidenes Segment der städtischen Kriminaljustiz: nur 11 von insgesamt 93 Hinrichtungen im 17. Jahrhundert fanden in ihrem Gefolge statt (im 16. bzw. 18. Jahrhundert gar keine). Auch im Vergleich zu anderen Regionen war dies bescheiden: die Zahl der Hexenprozesse in der Schweiz wird auf insgesamt 10'000 geschätzt - mit Schwerpunkten in der Waadt (1'700 Verurteilungen) und Graubünden (mindestens 1'000 Prozesse) [Die letzten Zahlen stammen nicht aus dem Buch von Tschaikner, sondern dem Historischen Lexikon der Schweiz].
Übersicht über die Angeklagten, ihre Herkunft, Delikte und Urteile (einschl. Hinweisen auf einzelne weitere Verfolgte):
1601 Köchin Regula aus St.Gallen, Zauberei, Tod (mit Kurzbiographie)
1601 Kunzin Barbara (Lachamennin) aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1601 Buchlin Katharina (Herkunft unbekannt), Zauberei, Freispruch
1601 Weiblerin Magdalena aus Chur, Zauberei, Tod
1601 Straiffin Margareth aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1603 Hofstetterin Kathrin aus St.Gallen, Zauberei, Tod (mit Kurzbiographie)
1604 Weyernmännin Anna aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1604 Straiffin Margareth aus St.Gallen (2. Prozess), Zauberei, Freispruch
1604 Kellerin Regula aus Straubenzell, Diebstahl, Ehebruch, Zauberei, Tod
1607 Oberhauserin Barbara aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1610 Haubenreich Mathias aus Freiburg i.Brg., Zauberei, Tod
1615 Lampartin Dorothea aus Aosta, Hexerei, Tod
1616/17 Bauwelin Barbara aus Altstätten, Zauberei, Freispruch
1617 Morer Niklaus aus Urseren UR, Diebstahl, Raubmord, Brandstiftung, Sodomie, Zauberei, Tod
1640 Huberin Anna aus Wittenbach, Zauberei, Tod
1647 Peuschlerin Sybilla aus Lauingen (Bayern), Zauberei, Freispruch / Ausweisung
1651 Hofstätterin Barbara aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1658 Stüdlin Barbara aus St.Gallen, Hexerei, Tod
1658 Hofstätter Christoph aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1658 Horberin Magdalena aus Wigoltingen TG, Zauberei, Freispruch / Ausweisung
1663 Hofstätter Christoph aus St.Gallen (2. Prozess), Zauberei, Freispruch / Ausweisung
(1677) Huberin Katharina aus Siegershausen TG, kein Prozess(?), Freispruch (mit Kurzbiographie)
1677 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck, Zauberei, Freispruch (mit Kurzbiographie)
1680 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck (2. Prozess), Zauberei, Freispruch
(1682) Schlatterin Margreth aus St.Gallen, kein Prozess(?), aber früher Tod im Zusammenhang mit Hexenwesen (mit Kurzbiographie)
1683 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck (3. Prozess), Zauberei, Freispruch
1686 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck (4. Prozess), Zauberei, Freispruch
(1688) Stüdlin Katharina aus St.Gallen, kein Prozess(?), aber Verfolgung (mit Kurzbiographie)
1691 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck (5. Prozess), Hexerei, Tod
1691 Schindolfin Elisabeth aus St.Gallen bzw. Elsass, Hexerei, Tod (mit Kurzbiographie)
1691 Vonwillerin Weibrath aus St.Gallen, Hexerei, Freispruch
1694 Müllerin Barbara (Böhmerin) aus St.Gallen bzw. Böhmen, Hexerei, Freispruch (mit Kurzbiographie)
Weitere Details zu den Prozessen finden sich weiter unten im Beitrag "Zusammenfassungen zum Hexenwesen von Walter Frei".Der Autor (wissenschaftlicher Archivar am Vorarlberger Landesarchiv in Bregenz) hat sich intensiv mit dem Hexenwesen in Westösterreich, Liechtenstein und der Ostschweiz befasst und zahlreiche Bücher zum Thema publiziert.
- Editiert von Wolf am 15.04.2006, 14:18 -
Die Zauberei- und Hexenprozesse der Stadt St.Gallen
unter Mitarbeit von Ursula Hasler und Ernst Ziegler
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2003, 269 Seiten, ISBN 3-89669-762-5
Der Autor beschreibt die Verhältnisse in 3 Phasen:
1. Die Zeit von 1496 (erste Hexenverdächtigungen - aber ohne Verurteilung) bis 1600.
2. Die erste Phase der Hexenprozesse (1601-1617).
3. Die zweite Phase der Hexenprozesse (1640-1694).
Insgesamt bildeten die Zauberei- und Hexenprozesse ein zahlenmässig bescheidenes Segment der städtischen Kriminaljustiz: nur 11 von insgesamt 93 Hinrichtungen im 17. Jahrhundert fanden in ihrem Gefolge statt (im 16. bzw. 18. Jahrhundert gar keine). Auch im Vergleich zu anderen Regionen war dies bescheiden: die Zahl der Hexenprozesse in der Schweiz wird auf insgesamt 10'000 geschätzt - mit Schwerpunkten in der Waadt (1'700 Verurteilungen) und Graubünden (mindestens 1'000 Prozesse) [Die letzten Zahlen stammen nicht aus dem Buch von Tschaikner, sondern dem Historischen Lexikon der Schweiz].
Übersicht über die Angeklagten, ihre Herkunft, Delikte und Urteile (einschl. Hinweisen auf einzelne weitere Verfolgte):
1601 Köchin Regula aus St.Gallen, Zauberei, Tod (mit Kurzbiographie)
1601 Kunzin Barbara (Lachamennin) aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1601 Buchlin Katharina (Herkunft unbekannt), Zauberei, Freispruch
1601 Weiblerin Magdalena aus Chur, Zauberei, Tod
1601 Straiffin Margareth aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1603 Hofstetterin Kathrin aus St.Gallen, Zauberei, Tod (mit Kurzbiographie)
1604 Weyernmännin Anna aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1604 Straiffin Margareth aus St.Gallen (2. Prozess), Zauberei, Freispruch
1604 Kellerin Regula aus Straubenzell, Diebstahl, Ehebruch, Zauberei, Tod
1607 Oberhauserin Barbara aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1610 Haubenreich Mathias aus Freiburg i.Brg., Zauberei, Tod
1615 Lampartin Dorothea aus Aosta, Hexerei, Tod
1616/17 Bauwelin Barbara aus Altstätten, Zauberei, Freispruch
1617 Morer Niklaus aus Urseren UR, Diebstahl, Raubmord, Brandstiftung, Sodomie, Zauberei, Tod
1640 Huberin Anna aus Wittenbach, Zauberei, Tod
1647 Peuschlerin Sybilla aus Lauingen (Bayern), Zauberei, Freispruch / Ausweisung
1651 Hofstätterin Barbara aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1658 Stüdlin Barbara aus St.Gallen, Hexerei, Tod
1658 Hofstätter Christoph aus St.Gallen, Zauberei, Freispruch
1658 Horberin Magdalena aus Wigoltingen TG, Zauberei, Freispruch / Ausweisung
1663 Hofstätter Christoph aus St.Gallen (2. Prozess), Zauberei, Freispruch / Ausweisung
(1677) Huberin Katharina aus Siegershausen TG, kein Prozess(?), Freispruch (mit Kurzbiographie)
1677 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck, Zauberei, Freispruch (mit Kurzbiographie)
1680 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck (2. Prozess), Zauberei, Freispruch
(1682) Schlatterin Margreth aus St.Gallen, kein Prozess(?), aber früher Tod im Zusammenhang mit Hexenwesen (mit Kurzbiographie)
1683 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck (3. Prozess), Zauberei, Freispruch
1686 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck (4. Prozess), Zauberei, Freispruch
(1688) Stüdlin Katharina aus St.Gallen, kein Prozess(?), aber Verfolgung (mit Kurzbiographie)
1691 Hellerin Anna aus St.Gallen bzw. Rheineck (5. Prozess), Hexerei, Tod
1691 Schindolfin Elisabeth aus St.Gallen bzw. Elsass, Hexerei, Tod (mit Kurzbiographie)
1691 Vonwillerin Weibrath aus St.Gallen, Hexerei, Freispruch
1694 Müllerin Barbara (Böhmerin) aus St.Gallen bzw. Böhmen, Hexerei, Freispruch (mit Kurzbiographie)
Weitere Details zu den Prozessen finden sich weiter unten im Beitrag "Zusammenfassungen zum Hexenwesen von Walter Frei".Der Autor (wissenschaftlicher Archivar am Vorarlberger Landesarchiv in Bregenz) hat sich intensiv mit dem Hexenwesen in Westösterreich, Liechtenstein und der Ostschweiz befasst und zahlreiche Bücher zum Thema publiziert.
- Editiert von Wolf am 15.04.2006, 14:18 -
Wolf Seelentag, St.Gallen
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
-
Wolf
- Moderator
- Beiträge: 10582
- Registriert: Sa 21. Mai 2005, 17:05
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: St.Gallen, Schweiz
Zur Hexenforschung in der Romandie
Zur Hexenforschung in der Romandie berichtet das St.Galler Tagblatt am 30.07.2003:
Tödliche Denunziationen
Historikerinnen und Historiker untersuchen die Hexenprozesse in der Westschweiz des 15. Jahrhunderts
Schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts kam es in der savoyischen Westschweiz zu Hexenjagden. Eine vom Nationalfonds unterstützte Historikergruppe erforscht die Hintergründe.
Urs Fitze
Als Wanderprediger zog der Dominikaner Bertrand Borgonyon in den Zwanzigerjahren des 15. Jahrhunderts durch die nachmalige Westschweiz. Seine Brandreden gegen Ketzerei, Zauberei und falschen Glauben mobilisierten die Massen.
Falle für die Waldenser
46-mal trat Borgonyon im Februar und März 1430 in Freiburg auf. Er sprach dabei oft von den «Wiedergängern», den «Seelen der Verstorbenen», die «mit der Erlaubnis Gottes manchmal in diese Welt zurückkehrten». Die Predigten waren als Falle gedacht für die Anhänger der Waldenser, die die Existenz des Fegefeuers in Frage stellten.
Serie von Prozessen
Die Waldenser, eine harmlose Vereinigung frommer und besonders bibeltreuer Menschen, waren zur Zielscheibe der Inquisition geworden und wurden pauschal der Ketzerei verdächtigt. Die Reden von Borgonyon waren das Vorspiel zu einer Serie von Inquisitionsprozessen, die die Freibuger Bevölkerung von Ende März bis Ende Juni 1430 in Angst und Schrecken versetzten. Der aus Lausanne herbeigerufene Inquisitor Ulrich von Torrenté hatte die Leute unter Androhung der Exkommunikation aufgefordert, all jene anzuzeigen, die verdächtig waren, der Waldensersekte anzugehören. Eine Denunziation löste dabei zwingend ein offizielles Ermittlungsverfahren aus. Dem Gericht gehörten neben dem Inquisitor ein Vertreter des Lausanner Bischofs, geistliche Experten aus dem Franziskaner- und Dominikanerorden und Mitglieder des freiburgischen Kleinen Rates an.
Konrad Wasen vor Gericht
Die Historikerin Kathrin Utz Tremp hat aufgrund von Prozessakten, Bürgerbüchern und Notariatsregistern die damaligen Ereignisse rekonstruiert. Das Resultat: In vielen Fällen kam die Denunziation aus der Nachbarschaft. Der Tuchscherer Konrad Wasen wurde gar von Peter Suter, dem Vater seines Patenkindes, dem Inquisitor ans Messer geliefert. Wasen hatte im Gespräch mit Suter die Waldenser verteidigt. Dabei war er kurz zuvor schon einmal zum Tragen der Ketzerkreuze verurteilt worden. Seiner Frau und seiner Schwiegermutter war es noch schlimmer ergangen: Sie hatten lebenslängliche Gefängnisstrafen kassiert. Beim zweiten Verfahren ging es für Wasen um das nackte Leben. Rückfälligen Ketzern drohte nämlich die Todesstrafe. Im zweiten Prozess zeigte er sich deshalb reumütig und kam schliesslich mit einem Monat Gefängnis bei Wasser und Brot davon.
"Unheimliche Eigendynamik"
Einen Tag nach seiner Verurteilung beendeten die Stadtväter das Inquisitionsverfahren. Aus gutem Grund, sagt Kathrin Utz Tremp. «Die Denunziationen entwickelten eine unheimliche Eigendynamik. Niemand konnte sich mehr sicher fühlen, auch Leute aus besseren Kreisen waren betroffen.» Doch die Freiburger hatten die Inquisition als Instrument entdeckt, um missliebige Nachbarn loszuwerden. Sieben Frauen und fünf Männer waren verurteilt worden, ein Mann starb auf dem Scheiterhaufen. Sieben Jahre später sassen in Freiburg nicht mehr Waldenser, sondern Hexen auf der Anklagebank. Es war die erste überlieferte Hexenjagd, der in den folgenden fünf Jahren mehrere Menschen aus dem Umland zum Opfer fielen. Hatten sich bei den Waldenserprozessen die bizarren Vorwürfe der Inquisitoren noch gegen Angehörige einer tatsächlich existierenden religiösen Vereinigung gerichtet, so fehlte bei den Hexen selbst dieser Hintergrund. «Hexen hat es nie gegeben», stellt Martine Ostorero klar. Die Mediävistin hat mehrere theoretische Schriften zum Thema Hexen aus der Zeit analysiert. Was zuerst kam, die Ideologie oder der Scheiterhaufen, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Nach dem bisherigen Stand des Wissens habe das eine wohl das andere bedingt, sagt Ostorero.
Hexen erklären Schrecknisse
In einer Übergangsphase hätten sich die Anklagen gegen Waldenser und Hexen vermischt. «Waldenser gab es - zumindest in der nachmaligen Schweiz und am Oberrhein - eher in den Städten, Hexen hingegen wurden auf dem Land vermutet», erklärt Kathrin Utz Tremp. Die Hexenjagden breiteten sich ab Mitte des 15. Jahrhunderts in der ganzen Westschweiz aus, die damals vorwiegend savoyisch beherrscht war. Auch im Wallis kam es zu Prozessen, die Chantal Ammann-Doubliez erforscht hat. Sie fand in den Archiven die Bestätigung für die Berichte des Chronisten Hans Fründ über eine ganze Reihe von Verfahren. «Hexen lieferten gewissermassen die wissenschaftliche Erklärung für die oft unerklärlichen Schrecknisse der Natur», sagt der Mittelalter-Historiker Georg Modestin. Vorher habe man sich schicksalsergeben darin gefügt.
Wie war das möglich?
Wie war es möglich, dass Kirchenleute, Juristen und Herrscher sich an der Hexenjagd beteiligten? Martine Ostoreros Antwort fällt vielschichtig aus: Es dürften wohl verschiedene, sich gegenseitig bedingende Faktoren gewesen sein. Ein starkes, durch verschiedene Ereignisse erhärtetes Motiv war aber der reine Machttrieb. Damals herrschten in der Romandie sehr kleinräumige Herrschaftsstrukturen. So instrumentalisierten kirchliche und weltliche Würdenträger Hexenprozesse, um ihren eigenen Herrschaftsanspruch zu unterstreichen. Menschen, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, waren die Drohgebärde der Mächtigen an Rivalen und Untertanen gleichermassen.
Stichwort
Das Hexen-Projekt
Seit Anfang der 1990er-Jahre bearbeiten Historikerinnen und Historiker des Seminars für mittelalterliche Geschichte an der Universität Lausanne ein Dossier des Staatsarchivs Lausanne mit den Akten von dreissig Hexenprozessen aus dem 15. Jahrhundert. Parallel dazu wurde auch in Freiburg und im Wallis die Erforschung der Hexenverfolgung intensiviert. Ein abschliessender Synthese-Bericht soll in drei Jahren vorliegen.
Tödliche Denunziationen
Historikerinnen und Historiker untersuchen die Hexenprozesse in der Westschweiz des 15. Jahrhunderts
Schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts kam es in der savoyischen Westschweiz zu Hexenjagden. Eine vom Nationalfonds unterstützte Historikergruppe erforscht die Hintergründe.
Urs Fitze
Als Wanderprediger zog der Dominikaner Bertrand Borgonyon in den Zwanzigerjahren des 15. Jahrhunderts durch die nachmalige Westschweiz. Seine Brandreden gegen Ketzerei, Zauberei und falschen Glauben mobilisierten die Massen.
Falle für die Waldenser
46-mal trat Borgonyon im Februar und März 1430 in Freiburg auf. Er sprach dabei oft von den «Wiedergängern», den «Seelen der Verstorbenen», die «mit der Erlaubnis Gottes manchmal in diese Welt zurückkehrten». Die Predigten waren als Falle gedacht für die Anhänger der Waldenser, die die Existenz des Fegefeuers in Frage stellten.
Serie von Prozessen
Die Waldenser, eine harmlose Vereinigung frommer und besonders bibeltreuer Menschen, waren zur Zielscheibe der Inquisition geworden und wurden pauschal der Ketzerei verdächtigt. Die Reden von Borgonyon waren das Vorspiel zu einer Serie von Inquisitionsprozessen, die die Freibuger Bevölkerung von Ende März bis Ende Juni 1430 in Angst und Schrecken versetzten. Der aus Lausanne herbeigerufene Inquisitor Ulrich von Torrenté hatte die Leute unter Androhung der Exkommunikation aufgefordert, all jene anzuzeigen, die verdächtig waren, der Waldensersekte anzugehören. Eine Denunziation löste dabei zwingend ein offizielles Ermittlungsverfahren aus. Dem Gericht gehörten neben dem Inquisitor ein Vertreter des Lausanner Bischofs, geistliche Experten aus dem Franziskaner- und Dominikanerorden und Mitglieder des freiburgischen Kleinen Rates an.
Konrad Wasen vor Gericht
Die Historikerin Kathrin Utz Tremp hat aufgrund von Prozessakten, Bürgerbüchern und Notariatsregistern die damaligen Ereignisse rekonstruiert. Das Resultat: In vielen Fällen kam die Denunziation aus der Nachbarschaft. Der Tuchscherer Konrad Wasen wurde gar von Peter Suter, dem Vater seines Patenkindes, dem Inquisitor ans Messer geliefert. Wasen hatte im Gespräch mit Suter die Waldenser verteidigt. Dabei war er kurz zuvor schon einmal zum Tragen der Ketzerkreuze verurteilt worden. Seiner Frau und seiner Schwiegermutter war es noch schlimmer ergangen: Sie hatten lebenslängliche Gefängnisstrafen kassiert. Beim zweiten Verfahren ging es für Wasen um das nackte Leben. Rückfälligen Ketzern drohte nämlich die Todesstrafe. Im zweiten Prozess zeigte er sich deshalb reumütig und kam schliesslich mit einem Monat Gefängnis bei Wasser und Brot davon.
"Unheimliche Eigendynamik"
Einen Tag nach seiner Verurteilung beendeten die Stadtväter das Inquisitionsverfahren. Aus gutem Grund, sagt Kathrin Utz Tremp. «Die Denunziationen entwickelten eine unheimliche Eigendynamik. Niemand konnte sich mehr sicher fühlen, auch Leute aus besseren Kreisen waren betroffen.» Doch die Freiburger hatten die Inquisition als Instrument entdeckt, um missliebige Nachbarn loszuwerden. Sieben Frauen und fünf Männer waren verurteilt worden, ein Mann starb auf dem Scheiterhaufen. Sieben Jahre später sassen in Freiburg nicht mehr Waldenser, sondern Hexen auf der Anklagebank. Es war die erste überlieferte Hexenjagd, der in den folgenden fünf Jahren mehrere Menschen aus dem Umland zum Opfer fielen. Hatten sich bei den Waldenserprozessen die bizarren Vorwürfe der Inquisitoren noch gegen Angehörige einer tatsächlich existierenden religiösen Vereinigung gerichtet, so fehlte bei den Hexen selbst dieser Hintergrund. «Hexen hat es nie gegeben», stellt Martine Ostorero klar. Die Mediävistin hat mehrere theoretische Schriften zum Thema Hexen aus der Zeit analysiert. Was zuerst kam, die Ideologie oder der Scheiterhaufen, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Nach dem bisherigen Stand des Wissens habe das eine wohl das andere bedingt, sagt Ostorero.
Hexen erklären Schrecknisse
In einer Übergangsphase hätten sich die Anklagen gegen Waldenser und Hexen vermischt. «Waldenser gab es - zumindest in der nachmaligen Schweiz und am Oberrhein - eher in den Städten, Hexen hingegen wurden auf dem Land vermutet», erklärt Kathrin Utz Tremp. Die Hexenjagden breiteten sich ab Mitte des 15. Jahrhunderts in der ganzen Westschweiz aus, die damals vorwiegend savoyisch beherrscht war. Auch im Wallis kam es zu Prozessen, die Chantal Ammann-Doubliez erforscht hat. Sie fand in den Archiven die Bestätigung für die Berichte des Chronisten Hans Fründ über eine ganze Reihe von Verfahren. «Hexen lieferten gewissermassen die wissenschaftliche Erklärung für die oft unerklärlichen Schrecknisse der Natur», sagt der Mittelalter-Historiker Georg Modestin. Vorher habe man sich schicksalsergeben darin gefügt.
Wie war das möglich?
Wie war es möglich, dass Kirchenleute, Juristen und Herrscher sich an der Hexenjagd beteiligten? Martine Ostoreros Antwort fällt vielschichtig aus: Es dürften wohl verschiedene, sich gegenseitig bedingende Faktoren gewesen sein. Ein starkes, durch verschiedene Ereignisse erhärtetes Motiv war aber der reine Machttrieb. Damals herrschten in der Romandie sehr kleinräumige Herrschaftsstrukturen. So instrumentalisierten kirchliche und weltliche Würdenträger Hexenprozesse, um ihren eigenen Herrschaftsanspruch zu unterstreichen. Menschen, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, waren die Drohgebärde der Mächtigen an Rivalen und Untertanen gleichermassen.
Stichwort
Das Hexen-Projekt
Seit Anfang der 1990er-Jahre bearbeiten Historikerinnen und Historiker des Seminars für mittelalterliche Geschichte an der Universität Lausanne ein Dossier des Staatsarchivs Lausanne mit den Akten von dreissig Hexenprozessen aus dem 15. Jahrhundert. Parallel dazu wurde auch in Freiburg und im Wallis die Erforschung der Hexenverfolgung intensiviert. Ein abschliessender Synthese-Bericht soll in drei Jahren vorliegen.
Wolf Seelentag, St.Gallen
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
-
georges-claude
- Beiträge: 54
- Registriert: Sa 28. Jan 2006, 08:45
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: ch
Hexen und Hexer in Diesse BE
Am 6. Juli 1648 wird Jean Witzig in Diesse (heute im Berner Jura, damals teilweise von Bern, teilweise vom Fürstbistum Basel abhängig) als Hexer exekutiert, am 2. August 1617 hatte dasselbe Schicksal Jeanne Hierle von Diesse ereilt, im März 1657 wird es auch Johanne Richard treffen. Alle drei haben ihr Hexentreiben öffentlich eingestanden und wurden rechtskräftig verurteilt. Alle drei scheinen ? in eher atypischer Weise ? der Gruppe der örtlichen Notablen anzugehören; Jean Witzig wird einmal vom Pfarrer als ?notaire? bezeichnet, Jeannes Ehemann ist wohl Pierre aus der prestigereichen Familie Carrel (dazu ein Indiz im Geständnis von Jacobé Louy, welche als Komplizinnen in einem Atemzug ?Jehanne Richard femme de Pierre Carrel und Jeanne Mathé du bas du Locle nennt; alle drei werden gemeinsam im Februar 1657 verurteilt). Vermutlich gehören alle drei in meine direkten Linien (8-10 Urgrosseltern). Ich untersuche zurzeit die näheren Umstände dieser drei Prozesse (total sind die Geständnisse von 66 Hexen/Hexer erhalten; CD bei "Mémoire d'aujourd'hui" erhältlich; eine Neuenburger Liz.arbeit aus 1975 von D. Renard-Gottraux: Les procès des sorciers et sorcières de la Montagne de Diesse au XVIIe s.).
Ich bin an einem Austausch von Forschungsresultaten sehr interessiert.
Georges Lüdi, Basel
- Editiert von Wolf am 28.01.2006, 10:56 -
Ich bin an einem Austausch von Forschungsresultaten sehr interessiert.
Georges Lüdi, Basel
- Editiert von Wolf am 28.01.2006, 10:56 -
-
Wolf
- Moderator
- Beiträge: 10582
- Registriert: Sa 21. Mai 2005, 17:05
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: St.Gallen, Schweiz
Maria Ursula Padrutt (1727-1785) in Tinizong GR
Siehe den separaten Beitrag zum Prozess der Maria Ursula Padrutt.
Wolf Seelentag, St.Gallen
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
-
Wolf
- Moderator
- Beiträge: 10582
- Registriert: Sa 21. Mai 2005, 17:05
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: St.Gallen, Schweiz
Zusammenfassungen zum Hexenwesen von Walter Frei (St.Gallen)
Walter Frei ist Theologe in St.Gallen, interessiert an Geschichte - besonders an Geschichten und Gestalten unserer eigenen Vergangenheit.
- Jahrgang 1936.
- Aufgewachsen und bis zur Matura wohnhaft in St. Gallen.
- Theologiestudium in Zürich, Amsterdam und Basel.
- Evangelischer Gemeindepfarrer in Sargans, Rebstein, St.Gallen-Heiligkreuz (Tablat) und Bühler (bis 2001).
- Weiterbildungen in Gestalttherapie, Friedensarbeit, Neuen religiösen Bewegungen, Parapsychologie, Meditation.
- Mitarbeit im Vorstand des Forums für Friedenserziehung (Deutschschweizer Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes IFOR).
- Seit der Pensionierung wieder wohnhaft im Elternhaus in St.Gallen-Lachen.
Walter Frei bietet religions- und kulturgeschichtliche Führungen in St.Gallen und Umgebung an, auch zum Hexenwesen. In diesem Zusammenhang sind eine Reihe von Texten entstanden, die er hier auf dem Forum zur Verfügung stellt. Die Texte sind nicht als Teile einer umfangreicheren Publikation gedacht, sondern eigenständig: deswegen kommt es zwischen einigen Texten auch zu Wiederholungen. Als Attachments zu finden sind:
1) Erklärungen zu Zauberei, Hexerei, Magie
2) Was der "Hexenhammer" über die Frauen lehrt
3) Grundsätzliches zu Zauberei- und Hexenprozessen in der Stadt St.Gallen
4) Details zu Zauberei- und Hexenprozessen in der Stadt St.Gallen
5) Die Hexenprozesse im Appenzellerland
Ich bedanke mich bei Walter Frei für diese Texte und lade alle Leser ein, doch bei einem Besuch in St.Gallen einmal eine seiner Führungen mitzumachen.
- Jahrgang 1936.
- Aufgewachsen und bis zur Matura wohnhaft in St. Gallen.
- Theologiestudium in Zürich, Amsterdam und Basel.
- Evangelischer Gemeindepfarrer in Sargans, Rebstein, St.Gallen-Heiligkreuz (Tablat) und Bühler (bis 2001).
- Weiterbildungen in Gestalttherapie, Friedensarbeit, Neuen religiösen Bewegungen, Parapsychologie, Meditation.
- Mitarbeit im Vorstand des Forums für Friedenserziehung (Deutschschweizer Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes IFOR).
- Seit der Pensionierung wieder wohnhaft im Elternhaus in St.Gallen-Lachen.
Walter Frei bietet religions- und kulturgeschichtliche Führungen in St.Gallen und Umgebung an, auch zum Hexenwesen. In diesem Zusammenhang sind eine Reihe von Texten entstanden, die er hier auf dem Forum zur Verfügung stellt. Die Texte sind nicht als Teile einer umfangreicheren Publikation gedacht, sondern eigenständig: deswegen kommt es zwischen einigen Texten auch zu Wiederholungen. Als Attachments zu finden sind:
1) Erklärungen zu Zauberei, Hexerei, Magie
2) Was der "Hexenhammer" über die Frauen lehrt
3) Grundsätzliches zu Zauberei- und Hexenprozessen in der Stadt St.Gallen
4) Details zu Zauberei- und Hexenprozessen in der Stadt St.Gallen
5) Die Hexenprozesse im Appenzellerland
Ich bedanke mich bei Walter Frei für diese Texte und lade alle Leser ein, doch bei einem Besuch in St.Gallen einmal eine seiner Führungen mitzumachen.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
Wolf Seelentag, St.Gallen
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
-
Wintibruno
- Beiträge: 22
- Registriert: Do 14. Jun 2007, 18:41
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: CH, ZH
Hexen und Hexer in der Schweiz
Für 3.-Fr im Brockenhaus gefunden:
Hexenbrände von Franz Rueb ( Die Schweizergeschichte des Teufelswahns) vom Weltwoche Verlag.
Sehr gut beschrieben, auch über die Gründe, wie die Leute damals dachten. Die Leute schienen im Mittelalter noch oft an Heidnischem Glauben festgehalten zu haben, was der Kirche missfiel.
Hexenbrände von Franz Rueb ( Die Schweizergeschichte des Teufelswahns) vom Weltwoche Verlag.
Sehr gut beschrieben, auch über die Gründe, wie die Leute damals dachten. Die Leute schienen im Mittelalter noch oft an Heidnischem Glauben festgehalten zu haben, was der Kirche missfiel.
-
Wolf
- Moderator
- Beiträge: 10582
- Registriert: Sa 21. Mai 2005, 17:05
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: St.Gallen, Schweiz
Hexen und Hexer in der Schweiz
Im Lexikon zur Hexenforschung ist auch ein Artikel zur Schweiz von Ulrich Pfister und Kathrin Utz Tremp erschienen.
Wolf Seelentag, St.Gallen
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
-
Säntis
- Beiträge: 4250
- Registriert: Di 15. Mär 2011, 09:27
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: Schaffhausen, Schweiz
-
Wolf
- Moderator
- Beiträge: 10582
- Registriert: Sa 21. Mai 2005, 17:05
- Geschlecht: Männlich
- Wohnort: St.Gallen, Schweiz
Anna Göldi [Göldin] von Sennwald SG
Die Beiträge zu Anna Göldi von Sennwald SG wurden in einen eigenen Thread abgespalten.
Wolf Seelentag, St.Gallen
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
Eingesetzte Software: Ahnenforscher
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

