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2152 Posts - Wuff Moderator
 | Kein Buch - sondern eine interaktive CD:
Dorothee Guggenheimer, Stefan Sonderegger
Dokumente des 13. bis 20. Jahrhunderts aus dem Stadtarchiv St.Gallen
Vielen Ostschweizer Lesern dürften die von Ernst Ziegler herausgegebenen "Hefte zur Paläograhie" bekannt sein: die meisten auf dieser CD enthaltenen Quellen sind diesen Heften entnommen. Die CD bietet den Vorteil, dass Sie interaktiv die Transkriptionen üben können:

unter dem auf dem Bildschirm dargestellten Textausschnitt können Sie ihre Transkription eingeben und jederzeit die Eingabe prüfen (Fehler werden dann rot markiert) oder Tips bzw. die komplette Transkription anzeigen lassen.
Darüber hinaus enthält die CD in Einleitungen und Kommentaren wichtige Hintergrundinformationen zum Inhalt sowie Transkriptionsregeln und Literaturhinweise zu den einzelnen Quellen:
Privaturkunde (1277) Das St.Galler Heiliggeist-Spital erhält Besitz in Wilen bei Bischofszell
Privaturkunde (1324) Verkauf eines Ackers im St.Galler Rheintal
Kaiserurkunde (1334) Kaiser Ludwig erlaubt den Bürgern der Stadt St.Gallen die Erhebung eines Umgelds
Steuerbuch (1411) Ein Einblick in die städtischen Vermögensverhältnisse
Metzgerzunft-Satzungen (1438) Die Tradition der St.Galler Bratwürste reicht bis ins Mittelalter
Brief (1450) Werbeschreiben nach St.Gallen für den Markt in Langenargen (siehe obige Abbildung)
Ehegerichts-Protokoll (1528) Misstrauen nach erfolgtem Eheversprechen
Malefiz-Protokoll (1603) Geständnis unter der Anwendung von Folter
Speiseordnung (1667) Einblick in die Spitalernährung des 17. Jahrhunderts
Gemeinds-Buch (1776) Massnahmen zur Ausrottung des Wolfs (finden Manche auch heute wieder aktuell)
Beilage zu einem Brief aus Glarus (1782) Signalement der "letzten Hexe" Anna Göldin
Bürgerratsprotokoll (1877) Auswanderungsgesuch eines St.Gallers nach Amerika
Gemeinderatsprotokoll (1902) Die Automobil-Wettfahrt Paris-Wien auf der Durchfahrt in St.Gallen
Brief (1911) Dank eines ehemaligen Bewohners für die Einladung zum Hundertjahr-Jubiläum des Waisenhauses
Gemeinderatsprotokoll (1914) Kriegsmobilmachungstelegramm vom 1. August 1914
Die CD kann und will die auch weiterhin vom Stadtarchiv angebotenen Schriftenlesekurse nicht ersetzen, sondern ergänzen. Sie ist im Buchhandel zum Preis von sfr. 28 erhältlich. ISBN 978-3-0340-0845-7
Die CD kann allgemein empfohlen werden: auch wenn die ausgewählten Dokumente aus St.Gallen stammen, ist das interaktive Üben allgemein sehr lehrreich, ebenso wie die allgemeinen Hinweise zu Transkriptionsregeln etc.
Über die CD berichtet auch das St.Galler Tagblatt am 20.12.2006
(Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung durch den Verlag):
Alte Schriften auf CD-ROM
Moderner Zugang zu Dokumenten des 13. bis 20. Jahrhunderts aus dem Stadtarchiv
Alte Schriften lesen lernen und mehr erfahren über die Zeit, in der die Dokumente geschrieben wurden? Eine neue CD-ROM des Stadtarchivs machts möglich.
MARTIN ARNET
Wie kann man das älteste St. Galler Bratwurst-Rezept aus dem 15. Jahrhundert entziffern? Oder den Steckbrief der «letzten Hexe» Anna Göldin lesen? Voraussetzung dazu ist, dass man alte Schriften lesen kann. Was bisher in Schriftenlese-Kursen gelernt werden konnte, wird vom Stadtarchiv neu mit modernsten Hilfsmitteln ergänzt: zusammen mit dem E-Learning-Projekt «Ad fontes» der Universität Zürich (Herausgeber Andreas Kränzle und Gerold Ritter). Mit dem Projekt werden Quellen aus Archiven und Bibliotheken in elektronischer Form aufgearbeitet. Aus dieser Zusammenarbeit wurde die erste CD-ROM produziert.
Anhand von 15 ausgewählten Originalquellen aus dem St. Galler Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde (OBG) kann nun die Fähigkeit, historische Dokumente zu lesen, individuell gelernt und vertieft werden.
Soziale Spannungen
Da ist beispielsweise eine Privat-Urkunde aus dem Jahr 1277. Dem Heiliggeist-Spital in St. Gallen wird ein Besitz aus Wilen bei Bischofszell zugeeignet. Der Hintergrund: Die Bevölkerung in Mitteleuropa wächst im 13. und 14. Jahrhundert rasant. Die Kehrseite dieses Wachstums sind soziale und gesundheitliche Probleme. Sie können erst gelindert werden, als in vielen Städten Spitäler eingerichtet werden. In St. Gallen wurde bereits 1228 durch Ulrich Blarer das Heiliggeist-Spital gegründet.
Ein anderes Schriftstück handelt von einer geplanten Automobil-Wettfahrt von Paris nach Wien. Weil eine Durchfahrt durch St. Gallen vorgesehen war, hatte sich der städtische Gemeinderat im Juni 1902 mit dem Projekt zu befassen. Erwartet wurden anfänglich 133 Fahrzeuge. Doch bereits auf der ersten Etappe ereigneten sich zahlreiche Unfälle. Das Rennen wurde abgebrochen.
Attraktiv gestaltet
Die Führung der CD-Benutzenden durch die Dokumente ist angenehm gestaltet und animiert, interaktiv zu lernen und zu üben. Mit leicht zu findenden Navigationstasten werden Dokumente eingeblendet, werden Lesehilfen und -regeln geboten, Erklärungen geliefert und weiterführende Literatur empfohlen.
Die präsentierten Schriftstücke geben einen informativen Überblick über die Entwicklung unserer Schrift. Die Passagen können persönlich übersetzt werden. Es gibt ein Korrekturprogramm zum Selbsttest und diverse Tipps.
Zudem sind Eckpunkte über die Geschichte der Stadt St. Gallen sowie über die Trennung in die Ortsbürgergemeinde und die politische Gemeinde zu erfahren.
Pionierprojekt
Autoren sind Dorothee Guggenheimer (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Stadtarchiv der OBG) und Stefan Sonderegger, Stadtarchivar der OBG.
Die Idee, eine CD-ROM zu produzieren, habe durchaus schon geraume Zeit bestanden, sagt Sonderegger. Das Projekt «Ad fontes» sei ein Pionierprojekt der Uni Zürich. Durch seine Tätigkeit als Privatdozent an dieser Uni ergaben sich die Kontakte, aufgrund derer sich die Idee konkretisierte. An die Herstellung habe man 15 000 Franken bezahlen müssen.
Bisheriges ergänzen
Wird es im Stadtarchiv trotz neuer CD-ROM weiterhin Schriftenlese-Kurse geben? «Unbedingt», versichert Sonderegger. Es könne keine Rede davon sein, diese Kurse nicht mehr anzubieten. Er sei ganz klar der Meinung, dass das neue Lernmittel eine Ergänzung des bisherigen Angebots des Stadtarchivs sei. «Es ersetzt den direkten Umgang mit historischen Quellen nicht.»
Mit der CD-ROM sollen Fachleute und historisch interessierte Personen angesprochen werden. Zugleich geht Stadtarchivar Sonderegger davon aus, dass sich das neue Produkt sehr gut für den Einsatz in einer Oberstufen- oder Mittelschulklasse eignen könnte. Eine besondere Unterrichtswoche könnte wohl einen idealen Rahmen dazu bieten.
Im Buchhandel erhältlich
Erhältlich ist die CD-ROM «Dokumente des 13. bis 20. Jahrhunderts aus dem Stadtarchiv St. Gallen», die auf Win und Mac lesbar ist, zum Preis von 28 Franken im normalen Buchhandel. Wolf Seelentag, St.Gallen |